Dieser Blog-Post ist inspiriert von einer Unterhaltung mit meinen besten Freunden, nachdem ich mich einmal mehr über eine Buchbeschreibung aufgeregt habe. Darin stand nämlich hauptsächlich, dass das Buch zum Genre Fantasy gehört. Warum das für mich ein Problem ist?
Genre definiert meines Wissens den Inhalt einer Geschichte. Wenn es ein Krimi ist wird ein Verbrechen aufgeklärt, bei einer Romanze steht eine Liebesgeschichte im Vordergrund, bei einer Abenteuergeschichte erwarte ich vielleicht einen Schatzjäger. Kurzum, das Genre beschreibt, was passiert und mit welchen Charakteren etwa zu rechnen ist, gibt also die grobe Handlung vor.
Wenn man aber jetzt Fantasy als Genre bezeichnet, dann ist die Handlung nicht klar. Als Beispiel: Der Herr der Ringe, The Witcher, Harry Potter, Game of Thrones und die Chroniken von Narnia laufen alle unter dem Begriff Fantasy, weil sie mehr oder wenige fantastische Elemente wie Magie, Drachen oder dergleichen enthalten. Das ist soweit auch richtig. Aber würdest du sagen, dass sie alle die gleiche Handlung haben? Oder wenigstens eine ähnliche Handlung? Nicht wirklich, oder?
Das liegt daran, dass Fantasy meiner Meinung weniger ein Genre und vielmehr ein Setting ist. Als Setting bezeichnet man den örtlichen und zeitlichen sowie eben auch den realitätsnahen oder fantastischen Rahmen einer Geschichte. Fantasy-Geschichten spielen mit mehr als nur der Wirklichkeit. Wenn du nun also so eine Geschichte liest oder ansiehst (oder hörst oder spielst), dann bist du vermutlich nicht übermässig erstaunt, wenn zum Beispiel ein Werwolf auftaucht. Das allein sagt aber noch nichts über die Handlung aus.
Wenn der Werwolf in Vollmondnächten sein Unheil treibt und eine Spur von Leichen hinterlässt, dann ist das Genre vermutlich eher Horror.
Ist der Werwolf ein Detektiv und ist mit seiner wortwörtlichen Spürnase den Verbrechern auf der Spur, dann ist es ein Krimi.
Wenn der Werwolf ein grosser gutaussehender und starker Mann ist, zu dem sich die Hauptfigur hingezogen fühlt, dann geht es vermutlich Richtung Romanze oder genauer gesagt Romantasy. Das ist nämlich ein Genre-Begriff, der eine Liebesgeschichte mit fantastischen Elementen beschreibt. Meistens bedeutet dass, dass ein oder alle Partner*innen in der dargelegten Beziehung nicht menschlich sind, aber das ist keine strikte Vorgabe, nur ein Trend.
Undd meldet sich ein Werwolf als Freiwilliger für die nächste Mars-Mission, weil er mit Verlassen der Erde seine monatliche Verwandlung aufhalten kann, dann ist es wahrscheinlich mehr Abenteuer / Action mit einem Schuss Sci-Fi.
Sci-Fi ist nämlich das zweite Genre, das meiner Meinung nach eher ein Setting ist. Der Spielort Weltall oder fremder Planet respektive die Spielzeit in ferner Zukunft sagen immer noch nichts über die Handlung einer Geschichte aus, da kann von Entdeckungsreisen bis Mordkomplotte und Verschwörungen alles dabei sein.
Sci-Fi ist übrigens nicht zu verwechseln mit Science Fiction, was durchaus ein Genre ist. Auch das wird heute gern synonym verwendet, ist aber streng genommen unterschiedlich definiert. Zum Genre Science Fiction gehören nämlich vor allem Geschichten, die sich mit technischen Entwicklungen und ihrer Auswirkung auf Einzelpersonen respektive die Gesellschaft befassen. Daher sind sie oft ein Spiegelbild der aktuellen Lage und stehen mehr oder weniger kritisch dazu.
Berühmte Vorreiterin der Science Fiction ist Mary Shelley mit ihrem Werk "Frankenstein oder Der moderne Prometheus", in dem sie hinterfragt, ab wann ein Mensch ein Mensch ist. Auch die Frage, ob jemand böse geboren wird oder durch die Umstände in der Kindheit allmählich böse wird, spricht sie an, was durchaus eine Kritik an der damaligen eher distanzierten und zweckmässigen Erziehungspolitik war. Kinder hatten die Rechte, die ihre Eltern ihnen zugestanden, was von Familie zu Familie sehr unterschiedlich aussehen konnte und die Kinder entsprechend geprägt hat.
So wie jedes Genre gewisse Vorgaben mit sich bringt tut das übrigens auch jedes Setting. Eine Geschichte, die im europäischen Mittelalter spielt, wirkt auf mich meist deutlich weniger glaubwürdig, wenn darin Figuren namens Anakin, Roxy oder Tabaluga auftauchen. Wenn da keine Zeitreisen oder Weltenportale als logische Erklärung innerhalb der Geschichte dienen, dann habe ich Schwierigkeiten damit.
Ähnlich geht es mir auch damit, wenn zum Beispiel in einem historischen nicht-fantastischen Buch eine Figur im alten Rom genüsslich ein paar Tomaten isst. Auch wenn heutzutage Tomaten aus der mediterranen Küche nicht mehr wegzudenken sind, so ändert das doch nichts an der Tatsache, dass sie ursprünglich aus Mittel- und Südamerika stammen und erst somit erst nach der Entdeckung Amerikas gegen Ende des 15. Jahrhunderts den Weg nach Europa gefunden haben.
Ich weiss, dass ich in solchen Sachen sehr pingelig sein kann, aber viele solcher kleiner Ungereimtheiten oder falscher Fakten nehmen mir den Spass an einer Geschichte. Aufgrund vom genannten Genre und Setting bauen sich in mir gewisse Erwartungen an eine Geschichte auf, deren Nichterfüllung mich gelegentlich frustriert. Das kennst du vermutlich auch, nicht wahr?
Darum finde ich es so wichtig, dass zum einen Geschichten von Verlagen und Autor*innen richtig beschrieben werden, dass aber zum anderen auch die Geschichtenerzähler*innen sich bewusst machen, welche Erwartungen sie allenfalls wecken und ihr Bestes tun, sie zu erfüllen. Es braucht manchmal gar nicht viel, nur eine kurze Suche bei Google liefert oft schon die Antwort.
