Nachdem ich bereits die Rollen der Jungfer und der Mutter etwas genauer unter die Lupe genommen habe, möchte ich last but not least auch mehr darüber erfahren, was alte Frauen zu Märchen beitragen.
Es sind oft die Grossmütter, die den Hauptfiguren Geschichten und andere wissenswerte Dinge erzählen. Sie, die meist nicht mehr den ganzen Tag mit schwerer körperlicher Arbeit beschäftigt sind, haben eher die Gelegenheit, leichteren Tätigkeiten wie zum Beispiel Näharbeiten nachzugehen und dabei die Kinder zu unterhalten. Durch ihr hohes Alter haben sie oft auch grosse Weisheit erlangt und sind mit gutem Rat zur Stelle, um ihre Hauptfigur auf den Weg der Handlung zu bringen. Es ist so zum Beispiel die Grossmutter der kleinen Meerjungfrau, die ihr vom Leben der Menschen erzählt und so in ihr das Verlangen weckt, sich zu ihnen zu gesellen.
Eine interessante Sonderstellung hat hier die Grossmutter des Teufels, die gleich in mehreren Märchen den menschlichen Figuren dabei hilft, dem Teufel (also ihrem Enkel) ein Schnippchen zu schlagen. Oft haben die menschlichen Figuren dem Teufel ihre Seele versprochen, ausser es gelingt ihnen, ein oder mehrere Rätsel zu lösen. Und eben diese Menschen finden, gerne auch auf Rat einer anderen alten Frau, ihren Weg zum Haus der Grossmutter des Teufels, wo sie sie prompt in Hörweite versteckt und die Lösungen der Rätsel aus dem Teufel herauslockt.
Und es es auch die Grossmütter, die hauptsächlich als Motivation für die Hauptfigur dienen. Rotkäppchens Grossmutter wird ohne grosse Gegenwehr vom Wolf verschlungen, aber ohne sie hätte sich Rotkäppchen gar nicht auf den Weg durch den Wald gemacht und die Geschichte angestossen. Und das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern vermisst seine geliebte Grossmutter so sehr, dass sie es in seiner Vorstellung als Engel in den Himmel holt, als es in der Silvesternacht draussen erfriert.
Aber nicht alle alten Frauen in Märchen sind Grossmütter. Auch sogenannte Prüferinnen treten gern in Erscheinung einer alten Frau auf, um die Grosszügigkeit oder Gutherzigkeit von Figuren auf die Probe zu stellen. Nur, wer auch bereit ist, einer alten Frau zu helfen, wird belohnt. Frau Holle etwa belohnt ihre Helferinnen je nach Fleiss mit Gold oder Pech. Die Fee in Die Schöne und das Biest wird vom Prinzen abgewiesen und verwandelt ihn zur Strafe in das titelgebende Biest.
Schliesslich gibt es natürlich noch die alten Frauen, die danach trachten, anderen Leid zu bringen. Das können böse Hexen sein oder schlicht verbitterte alte Damen, die Hauptfiguren das Leben schwer machen. Nichtsdestotrotz sind diese Frauen in der Lage, weitgehend selbstständig zu handeln, wohl, weil sie sich im Laufe ihres Lebens eine gewisse Unabhängigkeit angeeignet oder sogar erkämpft haben. Mit Blick auf frühere Umstände dürfte es sich bei vielen dieser Frauen um Witwen handeln, was zu ihrer feindlichen Einstellung beitragen mag. Dennoch, Wissen ist Macht und Wissen baut sich mit der Zeit auf – es gibt schon einen Grund, warum jemand als Beleidigung “Hexe” oder “alte Hexe” genannt wird, aber nie “junge Hexe”.
