Nun ja, irgendwie schon. In der Zeit, in der viele der heute bekannten Märchen entstanden sind, waren Pferde noch weiter verbreitet und im alltäglichen Leben verankert. Sie waren Arbeitstiere im Militär, auf dem Acker, im Wald und vor der Kutsche. Mir ist bewusst, dass es auch heute noch viele Arbeitspferde gibt, aber es ist nicht mehr die logische Schlussfolgerung, wenn jemand ein Pferd hat.
Aber zurück zu den Märchen. Pferde kommen oft in Verbindung mit der Hauptfigur vor und können dabei verschiedene Rollen füllen. Eine häufige ist natürlich die als Reittier, denn ein schnelles Pferd kann entscheidend über den Ausgang einer Prüfung sein. Manche Pferde sind sogar so schnell, dass sie regelrecht fliegen können. Das erlaubt es der Hauptfigur, selbst unüberwindbare Hindernisse zu meistern, zum Beispiel hohe Mauern oder breite Wasserflächen.
In einigen Märchen können Pferde auch sprechen, was sie in der Regel zu geschätzten Ratgebern “ihrer” Hauptfigur macht. Das geht vermutlich auf die Tatsache zurück, dass Pferde immer wieder den Weg zu ihrem Stall finden, auch wenn ihnen ihr*e Reiter*in abhanden gekommen ist. Ausserdem haben sie einen guten Instinkt für drohende Gefahren. Gut, das kann zu anderen Problemen führen, wenn ein Pferd eine Gefahr in einem Gegenstand oder Geräusch erkennt, das für uns Menschen offensichtlich harmlos ist. Aber darum geht es hier nicht.
Ein Pferd kann auch ein Symbol für Reichtum sein, denn ein Pferd samt Ausrüstung und Futter kostet nicht gerade wenig. Daher erscheinen zauberhafte Pferde auch gerne den Hauptfiguren, die ein besonders reines Herz haben, besonders, wenn sie in Not sind. Goldene oder silberne Pferde sind nicht selten Gegenstand einer Such-Prüfung, die einer Hauptfigur durch eine*n Herrscher*in gestellt wird.
Freiheit ist eine andere Symbolik, denn im Sattel in die Welt hinauszuziehen, nur ein Mensch und ein Pferd, ist ein sehr romantisches Bild. Die ganzen Cowboy-Filme, -Bücher und -Comics haben dazu sicher auch ihren Teil geleistet, aber der Ursprung stammt vermutlich aus älterer Zeit.
Zuguterletzt ist ein Pferd, besonders ein Hengst, auch ein Zeichen für Männlichkeit, inspiriert von der Rolle des Leithengstes innerhalb einer Herde, der seine Stuten mit Gewalt gegen Gefahren und andere Hengste verteidigt und sich entsprechend mit ihnen paart. Etwa so wie das ganze “Alpha Male” Gehabe heute, nur etwas weniger toxisch. Meistens. Scheinbar haben es im Mittelalter die Männer in Westeuropa tunlichst vermieden, etwas anderes als einen Hengst zu reiten, weil alles andere nicht männlich genug war. Die Männer in Osteuropa hingegen haben mehr die gesamthaften Qualitäten eines Pferdes beurteilt und in vielen arabischen Kulturen waren sogar Stuten in Armeen bevorzugt, da sie sich besser in grosse Gruppen einfügen. So zumindest habe ich es in verschiedenen gelesen, ich bin keine Historikerin.
