In vielen Märchen spielt die Mutter eine von zwei Rollen: Entweder ist sie die böse Stiefmutter, die der Hauptfigur zu ihrem eigenen Vorteil schadet, oder aber sie ist die leibliche Mutter, die sehr liebevoll ist, aber (früh) stirbt.
Aber warum gibt es diesen harten Gegensatz zwischen gut und böse? Waren die Leute früher wirklich so sehr darauf bedacht, nur ihren leiblichen Kindern oder sich selbst Gutes zu tun und alle anderen Mitglieder der Familie als Konkurrenz zu sehen? Nun, in Zeiten der Not mag es teilweise durchaus so gewesen sein, wenn es um Leben und Tod ging, doch auch das war vermutlich nicht so weit verbreitet, wie es Märchen scheinen lassen. Aber wie auch heute noch so oft dürfte der Neid da seine Finger mit im Spiel gehabt haben.
Das deutlichste Beispiel für Neid ist wohl die böse Königin aus Schneewittchen, die nicht ertragen kann, dass es eine Schönere im ganzen Land gibt, und den Tod ihrer Stieftochter wünscht. Dabei ist anzumerken, dass in einigen Versionen des Märchens Schneewittchen gerade mal sieben Jahre alt ist, aber nie ist sie älter als eine Jugendliche, als die Königin den Mord an ihr in Auftrag gibt. Wie viel Wert muss eine Frau auf Äusseres legen, dass sie sich ernsthaft von einem Kind “bedroht” fühlt? Alternativ, wie schwach muss ihr Selbstwertgefühl sein? Die böse Königin geht sogar so weit, sich für eine List in eine alte Hexe zu verwandeln - also dem direkten Widerspruch des Bildes, das sie von sich selbst hat und das sie anderen zeigen möchte.
Gut, ich gebe zu, ich schweife ab, Schönheit im Märchen ist ein Thema für sich.
Die böse Stiefmutter ist meiner Meinung nach darum so ein bekannter Bestandteil vieler Märchen, weil sie es ist, die sich vermehrt mit den Kindern beschäftigt, während der Vater arbeitet und seinen Pflichten nachgeht. Natürlich gibt es so mit mehr direktem Kontakt auch mehr Spielraum für Spannungen, zumal auch die eine oder andere Hauptfigur fühlt, dass die leibliche Mutter verdrängt wird. Das ist heute übrigens nicht anders. Und wie erwähnt mag da Neid hineinspielen, besonders, wenn die Kinder ihrer leiblichen Mutter ähneln und so den Vater immer wieder an sie erinnern.
Warum aber stirbt die gute leibliche Mutter so oft? Natürlich war die Geburt früher wesentlich riskanter für Mutter und Kind, Komplikationen konnten nur schwer behoben werden, wenn überhaupt. Aber aus erzählerischer Perspektive gibt es eine weitere Erklärung: Gemäss Märchentheorie ist der erste Schritt die Vertreibung aus der heilen Welt. Der Tod der Mutter und die darauffolgende Ankunft der Stiefmutter mitsamt ihren Folgen eignen sich dazu ziemlich gut. Die Erinnerungen an die gute Mutter können auch als Motivation für die Hauptfigur dienen oder helfend auftreten. So zum Beispiel bei Aschenputtel, die ihre prächtigen Ballkleider von der Weide respektive der Haselnuss erhält, die auf dem Grab ihrer Mutter wächst.
Natürlich gibt es auch Ausnahmen, zum Beispiel die Mutter von Hänsel und Gretel, die ihren Mann dazu überredet, die Kinder im Wald auszusetzen. Erst in späteren Ausgaben wurde aus ihr eine Stiefmutter, weil sich bis dahin das Bild der “bösen Stiefmutter” in den Gedanken der Menschen eingeprägt hatte. Auch Rotkäppchens Mutter schickt ihre Tochter alleine durch den Wald, obschon sie ahnen kann, dass es dort Gefahren und Ablenkungen gibt. Und die Mutter von Rapunzel stiehlt die Pflanzen, je nach Version wohl wissend, dass es sich um den Garten einer Hexe handelt.
Es gibt auch einige Mütter in Märchen, die zwar vorkommen, aber keine grosse Rolle innerhalb der Geschichte haben. Diese Mütter sind für mich jeweils die glaubhaftesten, je nach Bedarf tadelnd und tröstend, wie es eben auch wirkliche Mütter idealerweise sind.
