Der gute Bösewicht

Jede Heldenfigur braucht ein passendes Spiegelbild, doch was zeichnet eine*n gute*n Bösewicht*in überhaupt aus?

"Gut" meint in diesem Fall nicht die moralische Einstellung, sondern den Qualitätsanspruch. Ein*e langweilige*r Schurk*in ohne vernünftiges Motiv und mit dummen Plänen macht schlicht keinen Spass, weder für Leser*in noch Autor*in. Aber wie ist ein*e gute*r Bösewicht*in zu definieren?

Bei einem kürzlichen Filmabend mit meinen zwei besten Freunden kamen wir auf die Diskussion, wer denn der*die beste Disney-Schurk*in ist. Wir konnten uns nicht ganz einigen, waren aber alle einverstanden mit der Aussage, dass es die besten Schurken in den 80ern und 90ern gab und die Schurkinnen generell wunderbar böse sind. Mit beissendem Sarkasmus, einem markanten Look sowie einem klarem und nachvollziehbaren Motiv waren und sind diese Figuren nicht weniger beliebt als ihre Gegenspieler*innen, wenn nicht sogar beliebter.

Anders hingegen ist es in vielen Märchen. Oft genug beginnen Bösewicht*innen ihren Handlungsbogen, weil sie beleidigt oder verletzt sind. Gerne auch, um den Held*innen oder deren Eltern eine Lektion (verdient oder nicht) zu erteilen. Aber Namen tragen sie selten und ihre äussere Erscheinung wird, wenn überhaupt, eher negativ erwähnt. Tatsächlich ist meiner Meinung nach das, was sie am deutlichsten hervorhebt, ihre Worte. Viele Bösewicht*innen in Märchen haben eindeutige Sprüche, die beinahe Kernaussagen zur jeweiligen Figur im entsprechenden Märchen sind und oft genug das Motiv darlegen. Es sind häufig einfache Motive wie Hunger, Neid, Gier oder Rache. Die Sprüche sind heute noch weithin bekannt, zum Beispiel:

  • Die böse Königin aus Schneewittchen
    "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?"
  • Die Hexe aus Hänsel und Gretel
    "Knusper, knusper Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?"
  • Die Ziege aus Tischlein deck dich
    "Ich bin so satt, ich mag kein Blatt."
  • Rumpelstilzchen hat sogar zwei Sprüche
    "Heute back ich, morgen brat ich, übermorgen hol ich mir der Königin ihr Kind."
    "Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss."
  • Der Wolf aus Rotkäppchen hat als einziger einen Dialog mit seinem Gegenstück
    "Grossmutter, warum hast du so grosse Augen?"
    "Damit ich dich besser sehen kann."
    "Grossmutter, warum hast du so grosse Ohren?"
    "Damit ich dich besser hören kann."
    "Grossmutter, warum hast du so grosse Zähne?"
    "Damit ich dich besser fressen kann!"

Es klingt logisch, dass von Märchen mit ihrer Erzähltradition Worte die deutlichsten Kennzeichen von Figuren sind, zu denen natürlich auch die Bösewicht*innen gehören. Schliesslich sind auch Märchen selbst untrennbar mit den Worten "Es war einmal" verbunden, nicht wahr?

Aber was ist denn nun ein*e gute*r Bösewicht*in? Müssen sie immer das letzte Wort haben? Müssen sie vor Bosheit triefen? Müssen sie eine Schar Untergebene haben, die für sie die Drecksarbeit erledigen? Müssen sie schwarz, violett oder limettengrün tragen?

Nun, es gibt da natürlich unzählige Ansichten. Aber meiner Meinung nach ist das wichtigste das Motiv. Wieso tut jemand Böses? Was sind die Gründe hinter teilweise haarsträubenden Handlungen? Ich möchte die Motivation verstehen und nachvollziehen können, selbst wenn ich sie nicht teile. Eine Hinterlist, um an eine Mahlzeit zu kommen? Verständlich. Ein Unrecht, um einen Vorteil für sich oder die eigene Familie herauszuschlagen? Ebenfalls verständlich. Aber Böses tun, einfach weil man böse ist? Ganz so einfach ist die Welt nicht, nicht einmal im Märchen.