Gerade weil der Weg des Helden so weit verbreitet ist haben sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende gewisse Gemeinsamkeiten in ihren Geschichten herausgebildet. Diesen Weg nennen wir auch Heldenreise oder Heldenfahrt. Es gibt natürlich verschiedenste Interpretationen und Darlegungen der verschiedenen Stationen, die ein Held auf seiner Reise durchmacht, und ich werde sie hier nicht alle im Detail erklären. Joseph Campbell, Christopher Vogler, Blake Snyder und Carol S. Pearson sind gute Ausgangspunkte, wenn du mehr darüber lernen möchtest. Stattdessen führe ich dich grob den Weg entlang, derweil kannst du dir überlegen, ob dir die Route nicht bekannt vorkommt.
Am Anfang findet sich der zukünftige Held in seinem vertrauten Umfeld, im dem es nur wenige grössere Überraschungen oder Veränderungen gibt. Oft ist der Held schon früh verwaist und lebt bei Verwandten, zum Beispiel Onkel und / oder Tante. Das ist aber kein zwingendes Kriterium für den Helden, sondern mehr etwas, das sich über die Zeit herausgebildet hat. Luke Skywalker, Frodo Beutlin, Percy Jackson und Eragon sind da nur einige Beispiele.
Dann wird die gewohnte Idylle durch etwas Neues gestört, das Fragen im Helden aufwirft: Wer / was ist das? Warum hier? Warum jetzt? Und dann, wenn der Herold (oft in Gestalt eines Mentors) den Helden auffordert, sich dem Abenteuer zu stellen, auch gerne: Warum ich? Die Antwort auf diese Frage ist nicht immer eine Prophezeiung, manchmal ist es tatsächlich nur der Umstand, dass der Held zur rechten Zeit am rechten Ort ist, um das Abenteuer anzutreten. In einigen Fällen ist es explizit der Held, der die Reise machen muss, da er über besondere Charakterzüge oder Fähigkeiten verfügt, die das Gelingen des Abenteuers begünstigen.
Aber sein vertrautes Leben aufzugeben, um sich fernen Gefahren zu stellen, noch dazu für fremde Leute, ist nicht für jeden Helden eine erfreuliche Aussicht. Im Gegenteil, sie sträuben sich, bis der ursprüngliche Auslöser für das Abenteuer negative Konsequenzen in ihren Alltag bringt. Das Trope "The Call knows where you live" beschreibt diesen Umstand recht treffend. Zuweilen wird der Held auch von seinem Umfeld zurückgehalten, aber das ist seltener.
Schliesslich macht sich der Held, mit oder ohne Mentor, auf den Weg ins Ungewisse und merkt in der Regel schnell, auf was er sich da eigentlich eingelassen hat, wenn er sich mit Hindernissen und Feinden konfrontiert sieht. Auf seiner Reise findet er Verbündete und lernt mehr, das ihm dabei hilft, das Abenteuer zu bestehen (oder anders gesagt, die Trainingsmontage). Ausserdem muss er lernen, mit Verlust umzugehen, denn keine solche Reise geht ohne Veränderung vor sich. Oft genug verliert der Held seinen Mentor, aber auch das ist keine fixe Regel. Mag sein, dass der eine oder andere Held auf diesem Weg stolpert und kurzzeitig der Versuchung durch seine Gegenspieler unterliegt, ehe sein innerer Kompass ihn wieder in die richtige Richtung marschieren lässt.
Schliesslich führt der Weg des Helden ihn zu dem Punkt, an dem sich alles entscheidet: eine Handlung, eine Wahl, ein Kampf – die finale Konfrontation mit der Gegenseite. Das sind oft die Momente, in denen der Held sich am Boden wiederfindet und in sich die Kraft finden muss, seine Aufgabe zu Ende zu bringen, alle Strapazen zu überwinden und schlussendlich zu triumphieren. Er wird mit Ruhm und Anerkennung überschüttet und erhält seine wohlverdiente Belohnung. Das ist oft auch der Augenblick, in dem er und seine Mitstreiter, die sich im Lauf der Handlung zerstreut haben, wieder begegnen. Sie feiern ihr Überleben und gedenken den Gefallenen, ehe sie alle wieder ihrer Wege ziehen und neue Abenteuer antreten.
Es endet für gewöhnlich damit, dass der Held nach Hause zurückkehrt. Aber dort stellt er meistens fest, dass seine Welt nun zu gross ist für das Leben, das er vor dem Abenteuer kannte. Nur wenige Helden kehren an ihren Startpunkt zurück und werden dann glücklich dort. Die Reise hat sie geprägt, verändert, ihnen eine andere Perspektive auferlegt, die sie nicht so einfach abschütteln können. Und so ist es nicht unüblich, dass der Held praktisch in den Sonnenuntergang reitet und sich ein neues Zuhause sucht, da sein altes Heim ihn nicht mehr aufnehmen kann.
Abschliessend möchte ich noch anmerken, dass bei der Heldenreise zwar von “dem Held” gesprochen wird, dies aber nichts über das tatsächliche Geschlecht der Heldenfigur aussagt. Es gibt auch viele Figuren, die nicht männlich sind und trotzdem im Lauf ihrer Geschichte die Heldenreise durchlaufen haben.
