Der Weg durch alle Märchen

Jedes Märchen hält sich mehr oder weniger streng an eine gewisse Struktur, an einen bestimmten Aufbau der Handlung. Aber wie sieht das eigentlich aus?

Es gibt verschiedene Strukturen und Theorien, wie eine Geschichte aufgebaut werden kann. Eine davon ist die Märchentheorie in fünf Schritten, die teilweise parallel ablaufen können. Ich habe sie so vor vielen Jahren im Deutschunterricht gelernt, seither aber nie wieder irgendwo erwähnt gefunden. Daher bin ich nicht sicher, ob sie unter einem anderen Namen verbreiteter ist oder ob unser Deutschlehrer sie selbst aufgestellt hat.

Da ich für viele meiner Geschichten die grundlegenden Märchen nach dieser Theorie analysiere und meine eigene Fassung darauf aufbaue schien es mir sinnvoll, sie hier mal darzulegen. Natürlich gibt es auch Märchen, die sich nicht an diese Theorie halten, denn es gibt ja keine Regel ohne Ausnahme. Gerade die Kunstmärchen sind da wesentlich freier in der Strukur, aber ich schweife ab.

Viele Märchen beginnen mit der Vertreibung der Hauptfigur aus der heilen Welt. Das bedeutet nicht unbedingt eine gewaltsame Vertreibung oder einen Angriff, sondern mehr ein Ereignis, dass die Figur aus ihrem vertrauten Umfeld reisst oder einen Verlust für sie bedeutet. Vielleicht wird sie im Wald ausgesetzt, vielleicht verliert sie ihr liebstes Spielzeug, vielleicht wird sie verzaubert.

Im zweiten Schritt muss die Hauptfigur sich in der neuen fremden Welt zurechtfinden und ihren Weg finden. Auch dieser Schritt kann sowohl sprichwörtlich als auch sinnbildich sein. Vielleicht bahnt die Figur sich einen Weg durch den dunklen Wald, vielleicht begegnet sie einem hilfbereiten aber seltsamen Fremden, vielleicht muss sie lernen mit dem Zauber zu leben.

Ein wichtiger Bestandteil vieler Märchen sind Prüfungen, üblicherweise derer drei, da die Drei eine Märchenzahl ist. Drei Aufgaben zu erfüllen, drei Rätsel zu lösen, drei Schätze zu finden. Manchmal können die Prüfungen aber auch als eine grosse Prüfung innerhalb einer bestimmten Frist auftreten, oft drei Tage oder drei Nächte. Passenderweise ist dies Schritt drei der Märchentheorie.

Für den vierten Schritt stehen der Hauptfigur meistens Helfer zur Seite, zum Beispiel mit Lösungen für die letzte Prüfung oder mit einem magischen Gegenstand. Es ist aber auch dieser Schritt, in dem der Gegenspieler der Hauptfigur konfrontiert wird. Die Hexe fällt in den Ofen, der Frosch fliegt an die Wand, das Biest stirbt in den Armen seiner Liebsten.

Zum Schluss hin gibt es zwei Wege, wie ein Märchen enden kann. Gibt es ein glückliches Ende, so kehrt die Hauptfigur zurück in die heile Welt, wo sie das Märchen begonnen hat, aber zufriedener. Ist die Geschichte hingegen ein Anti-Märchen, so endet sie in einer Katastrophe, da das Böse triumphiert.

Auch wenn eine bekannte Märchenformel "Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage" lautet, so gibt es gerade bei den älteren Märchen öfters ein unschönes Ende. Das ist vor allem bei den Märchen so, die einen erzieherischen oder moralischen Hintergrund haben und so vor Habgier, Geiz und Neid warnen. Das klassische Happy End hat sich erst später eingebürgert, unter anderem durch die Gebrüder Grimm und besonders bei Disney und Co.