Heute ist der internationale Tag der Frau. Das ist für mich ein guter Anlass, um die verschiedenen femininen Archetypen in Märchen etwas genauer zu beleuchten. Ich plane dazu eine kleine Serie, aber heute fangen wir mit dem Archetypen an, der wohl in den meisten Märchen eine tragende Rolle spielt: die Jungfer.
Die Jungfer spielt oft insofern die Hauptrolle in Märchen, dass ihr Name im Titel vorkommt. Sie ist für gewöhnlich gutherzig und schön, ihr positives Inneres wird gespiegelt durch ihr ansprechendes Äusseres. Das geht darauf zurück, dass in vielen Märchen und Sagen der Bezug zwischen guten Taten und gutem Aussehen dazu dient, die Zuhörer*innen zu ihren eigenen guten Taten zu ermuntern und ihnen eine symbolische Belohnung in Aussicht zu stellen. Wird eine Jungfer als hässlich bezeichnet, so ist sie entweder böswillig oder verzaubert.
Es gibt für diesen Archetyp zwei Varianten: die eher passive Jungfer, die in Not gerät und vom Helden gerettet wird, um ihn mit Liebe und / oder Ehe zu belohnen. Tatsächlich verbringt diese Jungfer meistens einige Zeit damit, verzaubert oder gefangen zu sein. In dieser Variante dient sie weitgehend als Motivation für den Helden, und doch gäbe es ohne sie keine Geschichte. Diese Umstände gehen zurück auf die Zeit, in der Frauen und besonders Jungfern nur wenig Mitspracherecht über ihr Leben hatten und auch sonst mehr Pflichten als Rechte auferlegt bekamen. Interessanterweise sind fast alle eher passiven Jungfern arme Mädchen von niederem Stand oder Prinzessinnen.
Die andere Variante ist die eher aktive Jungfer, die es selbst in die Hand nimmt, einen Zauber zu brechen und / oder ihren Geliebten zu retten. Sie ist immer noch schön und gutherzig, weist aber oft noch weitere Charakterzüge auf, da sie ein wesentlich grösserer Teil der Geschichte und gerne sogar die erzählende Figur ist. Oft wird sie als klug oder weise bezeichnet, da sie es vermag, Rätsel zu lösen und / oder ihre Gegenspieler*innen auszutricksen. Natürlich kann auch sie irgendwo eingesperrt werden, doch sie kann sich für gewöhnlich selbst wieder befreien oder trägt zumindest zu ihrer Befreiung bei. Dies ist die andere Seite unserer Geschichte, denn es gab immer auch Jungfern, die eine gewisse Selbstständigkeit ihr Eigen nannten. Selbst im Mittelalter, das uns tendenziell als ein finsteres und wenig feministisches Zeitalter dargestellt wird, gab es Gelegenheiten für junge Frauen, ein Handwerk zu erlernen und / oder ihr Leben mit einer gewissen Freiheit zu gestalten.
Ich persönlich denke, dass beide Varianten des Archetyps heute noch bei vielen Mädchen und jungen Frauen Anklang finden, weil wir uns alle mal auf gewisse Weise mit ihnen identifizieren konnten. Auch heute noch gibt es viele Situationen, in denen junge Frauen es eher schwer haben, sich durchzusetzen oder unbeschadet herauszukommen. Sei es die Berufswahl ("das ist aber eher ein Männerberuf"), die Lebensgestaltung ("wie viele Kinder möchtest du haben?") oder auch nur schon das eigene Äussere ("du könntest hübsch sein, wenn du dir etws Mühe gibst"). Viele Menschen im Umfeld einer jungen Frau erlauben sich Kommentare, die sie gegenüber einem jungen Mann so nie äussern würden.
Aber es wird besser, denn junge Frauen lassen sich heute schon lang nicht mehr alles gefallen. Sie fordern ihre Optionen ein und treffen dann die Wahl, die sie am meisten anspricht. Und genau darum geht es ja eigentlich, nicht wahr? Die Jungfern im Märchen haben oft keine Wahl, ihre Geschichte wird von anderen geschrieben. Wir aber leben im Hier und Jetzt und immer mehr von uns haben die Möglichkeit, über unser Leben selbst zu bestimmen.
