Eine der ältesten schriftlichen Fassungen von Rotkäppchen, "le petit chaperon rouge", stammt von 1697 aus der Feder von Charles Perrault.
Interessanterweise gibt es in dieser Fassung kein gutes Ende. Nachdem der Wolf die Grossmutter gefressen hat, versteckt er sich im Bett. Als Rotkäppchen eintritt, fordert der Wolf es auf, sich auszuziehen und zu ihm ins Bett zu legen. Es gehorcht, kurz darauf folgt der bekannte Wortwechsel, der Wolf frisst Rotkäppchen und die Geschichte endet mit der Moral, dass kleine Mädchen sich vor Fremden in Acht nehmen sollen.
Erst später, bei der Übersetzung ins Englische und ins Deutsche, tritt der Jäger als Retter in der Not in Erscheinung, um die Grossmutter und Rotkäppchen aus dem Bauch des Wolfs zu befreien. Das kommt vor allem daher, dass sich zwischenzeitlich das Happy-End als typischer Märchenschluss gemäss "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" etabliert hat.
Nun, Perraults Fassung bietet allerlei Interpretationsmöglichkeiten, von denen ich einige zwar sehe, aber vermutlich nicht für mein Experiment verwenden werde. Stattdessen befasse ich mich damit, die einzelnen Elemente der Geschichte zu analysieren:
- Rotkäppchen selbst ist naiv und hilfsbereit, leicht abzulenken und gutgläubig
- die Grossmutter lebt etwas entfernt und ist auf Hilfe angewiesen
- der Wolf ist ein hungriges Raubtier, hinterlistig und gut im Verstellen
Wie lässt sich diese Zusammenstellung nun sieben Mal in unsere moderne Zeit versetzen? Nun, eigentlich ist es gar nicht so schwer, denn Rotkäppchen und die Grossmutter sind so beschrieben relativ zeitlos. Nur der Wolf passt noch nicht so ganz, aber er könnte folgendes sein:
- ein Stalker
- ein Räuber und / oder Erpresser
- Mitglied einer Gang / bei der Mafia
- ein possessiver und toxischer Partner
- ein possessiver und toxischer Elternteil
- ein Werwolf oder anderes Fabelwesen
- Oberhaupt eines Kults oder einer Sekte
- ein tatsächliches Raubtier
- nicht so böse, wie es scheint
Gut, aber wie ist das mit dem Fressen / Gefressen werden? Kannibalismus ist eigentlich nichts, mit dem ich mich näher beschäftigen möchte, also muss ich auch das neu interpretieren:
- verschlingen
- einverleiben
- in Besitz nehmen
- zu einem Teil von sich machen
- indoktrinieren / Gehirnwäsche
- in Kult / Sekte hineinziehen
- vernaschen (falls ich eine weitgehend harmlose Variante des Wolfs wähle, die Romantiker sollen ja auch nicht zu kurz kommen)
Das gibt doch schon einiges an Elementen her, aus denen sich Geschichten kombinieren lassen. Jetzt ist es nur noch meine Aufgabe, diese vier Elemente auf eine interessante Art und Weise zusammenzusetzen und sie dabei über alle Kontinente zu verstreuen. Wir werden in den kommenden Monaten sehen, wie gut mir das gelingt...
