Die Strasse ruft

Ein Element, das bei den meisten Rotkäppchen-Erzählungen eher im Hintergrund steht, ist der Weg durch den Wald mit all seinen Ablenkungen und Gefahren. In meinem Experiment möchte ich daher für diese Version den Fokus auf die Reise lenken - auf der südamerikanischen Strecke der Panamericana.

Nachdem mir eben dieser Einfall gekommen war, den Wald und die Reise stärker zu beleuchten, hatte ich mir natürlich überlegt, welche Reiseart sich heutzutage so anbietet. Zu Fuss ist es mittlerweile schwierig, lange Strecken zu gehen, denn entweder stösst man auf Autobahnen oder aber man muss sich querfeldein schlagen. Der Jakobsweg wäre eine Möglichkeit, ebenso einige andere Vertreter der offiziellen Kulturrouten des Europarats, doch für Europa hatte ich bereits eine andere Version geplant. Das riesige Trail-Netz Nordamerikas hätte sicher ebenfalls gut gepasst, aber auch hier schwebte mir etwas anderes vor. Ausserdem war ich nicht sicher, wie gut die kranke Grossmutter einen Fussmarsch, eine Fahrradtour oder einen Pferderitt auf Dauer bestehen würde.

Eine Kreuzfahrt war meine nächste Idee, ebenso wie eine Zugfahrt. Beides sind schöne Arten zu reisen, keine Frage, aber sie bieten tendenziell wenig Platz und zeichnen sich durch eine gewisse Passivität aus, da die verschiedenen Stationen gegeben sind und keine Chance für individuelle Reisen lassen. Dazu fiel mir als Ablenkung für Rotkäppchen nur ein, das Schiff oder den Zug komplett zu verlassen, aber damit würde sie auch den Anschluss an die Grossmutter verlieren.

Blieb also noch die Reise in einem Auto - und da fiel mir, inspiriert von einem Bericht in der örtlichen Buchhandlung, die Panamericana ein, die mehr oder weniger ohne Unterbruch von Alaska bis Feuerland führt. Für Südamerika würde es reichen, in Kolumbien zu starten und entweder die offizielle Strecke bis Buenos Aires zu fahren oder weiter in den Süden bis Quellón oder Ushuaia. Das wäre ideal, da ich auch hier unterschiedliche Länder, Kulturen und Regionen recherchieren musste, aber wenigstens hauptsächlich nur eine Sprache.

Aus Erfahrung weiss ich nur allzu gut, dass lange Autofahrten für alle Beteiligten eher mühsam sind. Man kann sich nicht richtig bewegen, es rüttelt, es müssen immer wieder Pausen gemacht werden. Und mit Senioren respektive mobilitätseingeschränkten Mitfahrern wird es nicht einfacher. Ausser, man kann sich bewusst Zeit lassen - nämlich, wenn der Weg das Ziel ist. Ich stellte mir vor, wie Rotkäppchen, aus welchem Grund auch immer ohne feste Anstellung, mit den Grosseltern im Wohnwagen die Panamericana entlang reist. Hauptsächlich als Chauffeur und Reisebegleitung, weil die Grosseltern die Reise nicht mehr alleine bewältigen können oder wollen, aber immer davon geträumt haben.

Und der Wolf? Entweder jemand, der einen günstigen Moment sieht, die älteren Herrschaften über den Tisch zu ziehen, oder aber vielleicht auch jemand aus ihrer Vergangenheit. Ist es eine Reise oder eine Flucht? Das kann ich jetzt noch nicht genau sagen...