Der finnische Märchenforscher Antti Aarne veröffentlichte 1910, im Alter von 43 Jahren, das erste “Verzeichnis der Märchentypen”. Dafür bezog er sich auf die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm sowie Sammlungen aus Finnland und Dänemark. Er analysierte jedes Märchen und stellte dabei Listen mit den zentralen Motiven auf. Dabei fiel ihm auf, dass es Überschneidungen gab, so entstanden die verschiedenen Kategorien:
- Tiermärchen (Animal Tales)
- Zaubermärchen (Fairy Tales)
- Legendenartige Märchen (Religious Tales)
- Novellenartige Märchen (Romantic Tales)
- Märchen vom dummen Teufel / Riesen (Tales of the Stupid Ogre)
- Schwänke (Jokes and Anecdotes)
Es ist dabei zu sagen, dass Märchen in der gleichen Kategorie nicht zwingend miteinander verwandt sind respektive aufeinander zurückzuführen sind, auch wenn dies nicht selten der Fall ist.
1927 veröffentliche der amerikanische Volkskundler Stith Thompson eine erweiterte Übersetzung des Verzeichnisses ins Englische, er ergänzte Kategorien und fügte ihnen Nummernbereiche hinzu. Märchen und andere Erzählungen wurden daraufhin mit “AaTh” (für Aarne-Thompson) und der zugehörigen Nummer klassifiziert:
- 1–299: Animal Tales (Tiermärchen)
- 300–749: Tales of Magic (Zaubermärchen)
- 750–849: Religious Tales (Legendenartige Märchen)
- 850–999: Romantic Tales (Novellenartige Märchen)
- 1000–1199: Tales of the Stupid Ogre (Märchen vom dummen Teufel / Riesen)
- 1200–1999: Jokes and Anecdotes (Schwänke)
- 2000–2400: Formula Tales (noch nicht bei Aarne)
- 2401–2500: Unclassified Tales (noch nicht bei Aarne)
Es ist vergleichsweise noch gar nicht so lange her, nämlich 2004, dass der deutsche Märchenforscher Hans-Jörg Uther eine dritte Erweiterung zur Einbindung nichteuropäischer Märchen erstellte. Zur Anerkennung seiner Leistung heisst der Index seither Aarne-Thompson-Uther-Index, kurz ATU. Entsprechend werden die Erzählungen nun mit “ATU” und ihrer Nummer benannt.
Rapunzel zum Beispiel wird den Zaubermärchen zugeordnet. Innerhalb dieser Kategorie gibt es weitere Untergruppen, so etwa die Untergruppe “300 bis 399: Übernatürliche Gegenspieler”. Da die böse Hexe Rapunzel in den Turm einsperrt, fällt das Märchen unter diese Klassifizierung. Auch diese Untergruppe wird noch weiter aufgeteilt, Rapunzel gehört es zu “310: Die Jungfrau im Turm”. Somit wird das Märchen Rapunzel als ATU 310 definiert. Ich hoffe, das war so verständlich.
Der Aarne-Thompson-Uther-Index wurde und wird seit seiner Veröffentlichung oft krisiert: Einerseits, weil er sehr stark auf die Erzählungen Europas fixiert ist, andererseits, weil Sagen und Legenden nicht darin aufgenommen werden. Nichtsdestotrotz erfreut er sich internationaler Gültigkeit, denn die grossen Erzählarchive in Bloomington (Indiana, USA) und Kopenhagen (Dänemark) sowie Marburg, Göttingen und Rostock (Deutschland) nutzen ihn zur Klassifizierung der gesammelten Erzählungen.
Und da soll noch einer sagen, Märchen sind nur was für Kinder…
