Erzähl-ein-Märchen-Tag

Dieser Tag beschäftigt sich nicht nur mit der grossen Vielfalt an Märchen aus aller Welt, sondern auch besonders mit dem Erzählen. Ob vorgelesen oder frei vorgetragen, ein Märchen entwickelt einen ganz eigenen Zauber, wenn man es von jemand anderem hört.

Der Erzähl-ein-Märchen-Tag stammt aus den USA und fällt jeweils auf den 26. Februar. Das ist unter anderem der Geburtstag der Autorin Cynthia Voigt, die für ihre Jugendbücher mehrfach ausgezeichnet wurde. Ob das Absicht oder Zufall ist kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich finde es passend.

Wenn ich das Wort Märchen höre, dann sehe ich als erstes einen Kreis Kinder vor mir, die sich um eine*n Erzähler*in versammelt haben und andächtig lauschen. Das zweite Bild ist ein gemütliches Zusammensitzen im Schein der Flammen, entweder an einem Lagerfeuer oder an einem Kamin (respektive einem Cheminée, wie wir hier in der Schweiz sagen), wo jemand eine Geschichte zum Besten gibt. Aber es ist das dritte Bild, das mir am meisten bedeutet - denn es sind meine Eltern und Grosseltern, die mir vorlesen, immer und immer wieder. Zu ihrem Pech habe ich die kurzen Geschichten meiner Kinderbücher rasch auswendig gelernt und meistens gemerkt, wenn sie eine Stelle überspringen wollten. Diese Tage sind mittlerweile lange vorbei, aber die Erinnerungen daran sind immer noch lebendig und kommen gerne bei familiären Anlässen wieder zur Sprache.

Aber warum erzählen wir Märchen?

Manchmal haben sie moralische Hintergründe und sollen Kindern beibringen, sich richtig zu verhalten: ehrlich und freundlich sein, Versprechen halten, Fremden gegenüber misstrauisch bleiben, nicht von Äusserlichkeiten auf innere Werte schliessen, keine Lügen erzählen, nicht verbotene Orte besuchen. Das sind grundsätzlich gute Verhaltensregeln und in ein Märchen verpackt sind sie besser verdaulich denn als direkte Ermahnung.

Märchen können auch dazu dienen, reale Ereignisse kulturell zu verarbeiten. Der Rattenfänger von Hameln hat vermutlich nicht wirklich alle Kinder der Stadt mit seiner Flöte verzaubert und entführt. Was damals vermutlich passiert ist hat mehr mit der Abwanderung der jungen Generation zu, der gute Arbeit versprochen wurde - fern der Heimat. Und so wurde aus einem Anwerber wahrscheinlich der Rattenfänger, erst als Metapher, dann als Erzählung. Märchen sind der Realität nicht fremd, sie greifen die Realität auf und verpacken sie so, dass sie die Zeiten überdauert.

In vielen Märchen sehen wir, wie gute Taten belohnt werden und diejenigen, die Böses tun, schliesslich dafür bestraft werden. Der Held triumphiert, erlöst die Heldin und führt den*die Bösewicht*in einem verdienten Ende zu. Zumindest in den europäischen Märchen ist es häufig so. Üblicherweise hat die titelgebende Figur nicht besonders viel mit der Handlung zu tun, sondern die unbenannten Figuren. Das kommt daher, dass sich so jede*r Zuhörer*in mit der Geschichte verbunden fühlt und das glückliche Ende für sich selbst versteht. Oder wie es Neil Gaiman so schön sagte: "Fairy tales are more than true: not because they tell us that dragons exist, but because they tell us that dragons can be beaten."

Aber manchmal, nach einem anstrengenden Tag oder wenn man mit Grippe im Bett liegt, ist es einfach schön, wenn jemand erzählt und man eine Geschichte erleben kann, ohne selbst etwas dafür tun zu müssen. Zum Glück gibt es heutzutage Hörbücher, auf die man zurückgreifen kann, wenn gerade kein*e Erzähler*in in der Nähe ist.