Märchenprinzen haben es nicht leicht – sie werden oft in Tiere verwandelt, bis die wahre Liebe sie erlöst.
Vielleicht haben sie in ihrer Arroganz jemanden beleidigt, der sie daraufhin verzaubert hat. Dann soll ihre Zeit als "Unmensch" ihnen positive menschliche Werte wie Mitgefühl, Rücksicht und Gnade näherbringen, bis sie ihre Persönlichkeit verbessert haben. Erst wenn sie ihre innere Menschlichkeit (wieder) gefunden haben, kann ihr romantisches Gegenstück sie als würdigen Partner erkennen. Der Zauber wird gebrochen und sie erhalten ihre äussere menschliche Form zurück.
Vielleicht sind sie aber auch einer Hexe begegnet, die sich in den Kopf gesetzt hat, dass der Prinz sie oder ihre Tochter heiraten soll. Für gewöhnlich ist die zukünftige Braut hässlich und oder bösartig, der Prinz lehnt ab und wird daraufhin verwandelt. Interessanterweise ist diese Variante oft mit einer zeitlichen Frist verknüpft, was vermutlich daran liegt, dass der Prinz kein grundsätzlich schlechter Mensch ist und die Verwandlung mehr dem verletzten Stolz der Hexe verschuldet ist. Oft genug findet der Prinz selbst in Tiergestalt seine wahre Liebe in einer gutherzigen und tugendhaften jungen Frau, oft die jüngste von drei Töchtern, die ihn trotz aller Umstände und oft zum Wohle ihrer Familie heiratet. Sie leben mehr oder weniger glücklich miteinander, bis die Ehefrau unweigerlich ein Tabu bricht, in der Regel kurz vor Ablauf der Frist. Daraufhin verschwindet der Prinz und die Ehefrau muss sich auf eine lange Reise voller Prüfungen und Rätsel machen, bis sie ihn wieder in die Arme schliessen kann. In diesen Märchen geht es darum, wie wahre Liebe alles überwinden kann. Der Froschkönig, der gerne von seiner Prinzessin an die Wand gepfeffert statt geküsst wird, ist hierbei eine Ausnahme.
Natürlich gibt es auch diverse Märchen, wo die Braut in Tiergestalt verzaubert wurde, oft aus Neid auf ihre Schönheit oder weil sie jemanden beleidigt hat. Dann ist es ihr Ehemann, der sich nach dem Tabubruch auf die Suche nach seiner verschwundenen Geliebten machen muss. So oder so gibt es am Schluss normalerweise ein glückliches Ende für die Brautleute.
Es gibt allerdings eine weitere Variante für diese Konstellation, die sich ein wenig düsterer darstellt: Ein Mann beobachtet heimlich ein oder mehrere Tiere in der Nähe eines Gewässers. Oft sind es Schwäne, daher der Ausdruck Schwanenjungfer, aber andere Wasservögel oder auch Seehunde im keltischen Raum sind nicht selten. Prompt legen die Tiere ihren Pelz oder ihr Federkleid ab und werden zu wunderschönen jungen Frauen. Sie tanzen / singen / baden, je nach Märchen, und der Mann ist hingerissen. Entweder stiehlt er sofort eine Tierhaut oder kommt an einem anderen Tag zurück und stiehlt sie dann, aber auf jeden Fall kann die betroffene Frau sich ohne die Tierhaut nicht zurückverwandeln und muss den Mann heiraten. Sie leben zusammen und bekommen oft auch Kinder, aber früher oder später findet die Frau ihre Tierhaut wieder und verschwindet zurück in ihr altes Leben. Der Mann reagiert unterschiedlich auf diese Entwicklung: Entweder ist er betrübt und tröstet sich damit, dass er wenigstens seine Kinder noch hat, oder aber er macht Jagd auf seine Ehefrau und versucht sie mit Gewalt zurückzuholen.
Ich habe bisher noch kein Märchen gefunden, dass diese Variante mit umgekehrten Geschlechtern zeigt, aber ich will nicht ausschliessen, dass es sie gibt.
Die einzige Moral, die ich aus dieser Variante der Tierehe ziehen kann, ist: Liebe lässt sich nicht erzwingen und Kidnapping ist keine Lösung fürs Single-Dasein. Man sollte meinen, das wäre selbstverständlich, aber die Tatsache, dass es Geschichten dieser Variante in unzähligen Kulturen auf mehreren Kontinenten gibt, stimmt mich etwas nachdenklich.
