Geistertanz

Kopflos durch die Dunkelheit bringt viel Ungewissheit mit sich – sind die Lichter dort vorne Geister? Oder Laternen? Oder ganz was anderes?

Heute Nacht ist Halloween, heute Nacht sind grosse und kleine, sterbliche und überirdische Spukgestalten unterwegs.

Passenderweise war ich heute Abend im Theater und durfte erleben, wie eine Kleinstadt kollektiv kopflos wird, um nicht den Kopf zu verlieren. Oder anders gesagt, “Die Legende von Sleepy Hollow” wurde in der Nähe aufgeführt und war ein ganz besonderes Vergnügen. Eine Horror-Komödie, wie sie im Buche steht, die Handlung pendelt von amüsant und absurd in Sekundenschnelle zu Gänsehaut und kalten Schauern, ein gekonnt inszeniertes Wechselspiel der Gefühle.

Der legendäre kopflose Reiter war ein Hesse, darum begann das Stück auch mit einer Truppe hessischer Soldaten. In Hessisch. Und der in dem Moment noch nicht kopflose Soldat ist berüchtigt, weil er alles hinterfragt und generell ein kluger Kopf ist. Nachdem er kurz darauf von einer Kanonenkugel getroffen und bestattet wird, reitet er fortan des Nachts durch die Gegend und sucht einen anderen klugen Kopf, um seinen verlorengegangenen zu ersetzen. 

Entsprechend verblöden die Bewohner*innen der Gegend absichtlich, um bloss kein ansprechendes Opfer für ihn zu werden. Dumm nur, dass das Bildungsministerium laufend neue Lehrpersonen nach Sleepy Hollow schickt, um Bildung und Verstand zu fördern. Der junge Ichabod Crane kann so gar nichts mit seinen neuen Nachbar*innen und Schüler*innen anfangen und hält den ganzen Aberglauben für konfusen Blödsinn. Als er herausfindet, dass sein Vorgänger ermordet wurde, bestrebt es ihn, den Fall aufzuklären und so ein für alle Mal zu beweisen, dass es den kopflosen Reiter nicht gibt. Derweil tun die lokalen Würdenträger*innen, was sie können, um ihn zu warnen oder wenigstens loszuwerden, bis es schliesslich zu einer Konfrontation kommt. “Glauben Sie denn, es ist einfach, so dumm zu sein?”

Dieser Satz ist mir auf dem Heimweg immer wieder durch den Kopf gegangen. Das Stück ist bewusst als Parallele zur gegenwärtigen Weltsituation aufgebaut und es lassen sich so einige Vergleiche zu unserem Alltag ziehen. Ist es leicht, dumm zu sein, wenn so viele von uns Zugang zum grössten Informationsnetz in der Geschichte der Menschheit haben? Oder ist es vielmehr leicht, von unterschiedlichen Informationen derart überflutet zu werden, dass man irgendwann einfach den lautesten Schreihälsen folgt statt denen, die ihre Informationen mit Daten und Fakten belegen?

Der richtige Umgang mit dem Internet ist eine Wissenschaft für sich. Man kann alles nachschlagen, herausfinden, aus Erfahrungen anderer schöpfen – aber eine gewisse Skepsis und gesunder Menschenverstand schaden allemal nicht, wenn man sich Informationen beschafft. Es hilft sicher auch, Fakten durch mehrere voneinander unabhängige Quellen bestätigen zu lassen, idealerweise durch solche, die die Fakten fachlich beurteilen können. Nicht, dass noch jemand den Kopf verliert, weil er sich vor Geistern und Aliens und Verschwörungstheorien fürchtet…