Handlungsfäden verweben

Wieso verlieren Geschichtenerzähler*innen manchmal den Faden und warum spinnen wir Seemannsgarn?

Textiles Handwerk ist nicht nur ein Werkzeug, um Wissen respektive eine ganze Geschichte zu vermitteln, es trägt auch dazu bei, Geschichten zu bewahren.

Was ich damit meine? Nun, ich habe schon in einem früheren Blog-Beitrag erwähnt, wie Kleidung auf nonverbale Weise etwas über eine Figur aussagen kann. Neben persönlichem Stil und situationsbedingten Umständen kann man zuweilen auch aus Kleidung ablesen, was eine Figur erlebt oder erreicht hat. Insbesondere dann, wenn es sich bei der Kleidung um Symbole der Macht handelt, wie etwa bei einem pelzbesetzten Königsmantel (Hermelin war jahrhundertelang den höchsten Würdenträger*innen vorbehalten) oder einer purpurnen Toga (die nur von Kaisern und Triumphatoren getragen werden durfte). Gerade in Textilien sind es aber auch Muster, Stickereien und andere Verzierungen, die von Geschichten wie Sagen oder Märchen geprägt sind und / oder eine eigene Geschichte erzählen. Das können wichtige Belege für die Ursprünge einer Geschichte oder Elemente daraus sein, die Forscher*innen heutzutage einen Einblick in vergangene Tage und Kulturen gewähren.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum Geschichtenerzählen und textiles Arbeiten so eng miteinander verbunden sind. Spinnen, weben, von Hand nähen, sticken, Taue drehen, häkeln, stricken - all das sind Tätigkeiten, die viel Zeit in Anspruch nehmen, aber oft nicht sonderlich viel Konzentration erfordern. Es sind also Tätigkeiten, die früher gerne in Gesellschaft, in Gemeinschaft begangen wurden. Seit Jahrtausenden treffen sich (weitgehend, aber nicht ausschliesslich) Frauen, um ihre Handarbeiten nicht alleine erledigen zu müssen, sei es eine Strickrunde, ein Nähkreis, eine Patchwork-Gruppe. Neben der Tatsache, dass die Arbeit so meist flotter von der Hand geht und man bei Bedarf ein helfendes Paar Hände oder guten Rat zur Stelle hat, gibt es auch mehr Unterhaltung. Wortwörtlich sogar, denn wie gesagt ist zum Beispiel das Nähen von langen Nähten oder Säumen zeitintensiv, aber nicht unbedingt kopflastig. Und rasch entwicklte sich aus Tratsch eine Tradition des Erzählens, in Form von Geschichten und Liedern. Ich zum Beispiel höre auch meistens einen Podcast oder schaue einen Film, wenn ich mal wieder eine Handarbeit in die Finger nehme und sonst niemand da ist. Das Verlangen nach Unterhaltung kann ich also aus eigener Erfahrung bestätigen, und ich verbringe nicht tage- oder wochenlang am Stück mit meiner Strickerei oder meiner Näharbeit.

Diese beiden Gründe, so zumindest meine Meinung, haben dazu geführt, dass wir heute Seemannsgarn spinnen, wenn wir wilde Geschichten vom Meer erzählen, oder Handlungsfäden zu einem Teppich verweben, dessen Muster eine Geschichte ergibt. Menschen überall auf der Welt und zu allen Zeiten erzählen gerne Geschichten, daher ist es nicht verwunderlich, dass im Laufe der Zeit textile Wörter dafür verwendet wurden, um das Erzählen näher zu beschreiben.