In medias res

Immer munter mitten ins Getümmel, oder?

Ich habe schon einige Male mit meinen besten Freunden und Schreibkollegen darüber gesprochen, wie eine Geschichte anfangen kann. Das reicht natürlich von mehrseitigem Prolog bis direkt die erste Action-Szene, plus alles dazwischen. Ein klares Richtig oder Falsch gibt es grundsätzlich nicht, es kommt nebst Genre auch ein wenig auf die Geschichte selbst sowie den*die Autor*in an. Ein Krimi etwa beginnt in der Regel mit einem Verbrechen, denn das ist es, was in einem Krimi passiert: ein Verbrechen wird aufgedeckt. Ein historischer Roman hingegen kann sich durchaus einen langsameren Anfang erlauben, in dem die geschichtlichen Zusammenhänge und / oder Gepflogenheiten erläutert werden, damit die Leser*innen die Chance haben, einzutauchen und nicht gleich zu ertrinken. Was ist aber mit einem historischen Krimi? Beide Anfänge haben ihren Reiz.

Persönlich habe ich die Tendenz, direkt in die Handlung zu starten, je kürzer die Geschichte ist, die ich schreibe. Gerade für Ausschreibungen mit oberen Zeichenlimiten gibt es nur einen gewissen Raum, um eine Geschichte zu erzählen, und bei maximal 2'000 Wörtern allzu viele davon auf die Einführung zu verwenden fällt mir eher schwer. Ich stelle es auch bei meinen übrigen Kurzgeschichten fest, meine Figuren tauchen gerne mal auf, indem sie an einer Bergwand hängen, auf der Strasse unterwegs sind oder mit einer Gehirnerschütterung aufwachen.

Abgesehen davon kann ein erster Satz in medias res (inmitten der Dinge) auch direkt schon als Spannungstreiber dienen, um Leser*innen zum Weiterlesen zu animieren, sie sind wortwörtlich schneller in der Geschichte drin. Es gibt ein wunderbares Beispiel der bekannten Schriftstellerin Margaret Atwood, wie sie sich den Anfang von Rotkäppchen vorstellen könnte: “It was dark inside the wolf.” Ohne Schnickschnack, ohne grosses Erklären, einfach mit Vollgas hinein. In diesem Fall springt sie sogar eher ans Ende des ursprünglichen Märchens, eben weil die Handlung an sich schon bekannt ist. Ausserdem ist der Satz ein kleiner Schock, eine etwas andere Perspektive als gewohnt, kurz und sachlich, aber mit finsteren Andeutungen.