Ladies First

Am heutigen Tag der Frau blicken wir auf grossartige Frauen zurück, die Literaturgeschichte geschrieben haben.

Das Geschichtenerzählen ist wohl so alt wie die Menschheit selbst und dürfte über die Jahrtausende hinweg von Personen jeglichen Geschlechts praktiziert worden sein. Heute aber wollen wir diejenigen Frauen feiern, ohne deren Werke die Welt heute anders aussähe.

Englisch ist eine Sprache, die aus vielen Quellen zieht und so einiges an Veränderungen durchgemacht hat. Der erste Roman in unserem heutigen Englisch wurde vermutlich von Aphra Behn geschrieben, nämlich “Love-Letters between a Nobleman and his Sister”, das 1684 veröffentlicht wurde. Sie führte ein eher wildes Leben, denn nebst einer Reise in die damalige Kolonie Surinam arbeitete sie auch im Dienste König Charles' II. als Spionin. Aphra Behn war ausserdem eine der ersten englischen Frauen, die mit ihrer Schriftstellerei Geld verdiente. Sie schuf nebst ihren Romanen auch viele Theaterstücke und erstellte Übersetzungen. 

Das Genre Science Fiction geht auf eine Frau zurück, die ein bewegtes Leben geführt hat: Mary Wollstonecraft Shelley, die mit zwanzig Jahren am Ufer des Genfersees den Roman “Frankenstein; or, The Modern Prometheus” schrieb, als sie mit ihrem Mann und befreundeten Schriftsteller*innen dort im Sommerurlaub war. 1818, zwei Jahre später, veröffentlichte sie das Buch. Vor über 200 Jahren also beschäftigte sie sich bereits mit der Frage, was einen Menschen ausmacht, sowie mit den moralischen Überlegungen und Konsequenzen, wenn es darum geht, künstliches Leben zu erschaffen. Überlegungen, die heute relevanter sind als je zuvor.

Das erste Märchen in Romanlänge stammt aus der Feder von Sara Coleridge, die 1837 mit “Phantasmion” nicht nur erstmals ein Märchen in Buchlänge veröffentlichte, sondern auch den ersten Roman, der vollständig in einer eigenen Welt spielt – ein Merkmal, das heute beinahe grundlegend für moderne Fantasy-Romane ist (abgesehen von Urban Fantasy, das mehr mit verborgenen Orten und Gesellschaften innerhalb unserer Welt spielt). Das Worldbuilding kommt dabei nicht zu kurz und diente so manchen späteren Autor*innen als Inspiration.

Einen Prototypen für moderne Superheld*innen erschuf Baroness Orczy mit ihrer Hauptfigur aus “Das scharlachrote Siegel” 1903: Ein englischer Aristokrat schafft sich eine geheime Identität, um französische Adlige während der Revolution ausser Landes zu schmuggeln. Er gibt sich in der Öffentlichkeit als eitler Geck ohne grosse Gedankenwelt und verbirgt hinter dieser Fassage nicht nur einen messerscharfen Verstand, sondern auch seine Fechtkunst sowie sein Talent für Verkleidungen und waghalsige Fluchtmanöver. Klingt vertraut, nicht wahr? Zorro, Wonder Woman, das Phantom, Batman und Konsorten, sie alle entstanden nur wenige Jahrzehnte später und verbergen ihre Arbeit als Superheld*in hinter einer Maske, die es ihnen erlaubt, unentdeckt zu bleiben.

Ich finde es spannend, dass Elemente, die heute tendenziell eher als “männliche” Interessen gesehen werden wie Science Fiction, Fantasy und Superhelden, auf Frauen zurückgehen. Das zeigt mir nur einmal mehr, dass unsere Vorreiterinnen schon damals allen Konventionen zum Trotz ihre literarischen Fähigkeiten derart gekonnt ausgelebt haben, dass sie eine breite Leserschaft überzeugt haben und ihre Werke sowie deren “Nachfahren” aus unserer Zeit nicht mehr wegzudenken sind.