Märchen im Alltag

Märchen sind ein wichtiger Teil unserer Kultur und begegnen uns daher oft im Alltag – selbst dort, wo wir sie nicht unbedingt erwarten.

Viele Personen mit langen Haaren durften sich vermutlich schon mal scherzeshalber "Rapunzel, lass dein Haar herunter" anhören, wenn sie es gekämmt, gebürstet oder zusammengebunden haben. Wer ist nicht schon vor einer geschlossenen Tür gestanden und hat "Sesam, öffne dich" gemurmelt, während sie aufging? Beim Essen folgt auf die Frage, ob man genug hat, gerne mal die Antwort: "Ich bin so satt, ich mag kein Blatt." In unserem Sprachgebrauch, unseren Redewendungen und geflügelten Worten, sind Märchen also lebendig wie eh und je.

Genau das machen sich Leute gern zunutze, die mit wenig Aufwand ein bestimmtes Bild heraufbeschwören wollen. Sei es für einen guten Zweck, fürs Marketing oder schlicht als Alleinstellungsmerkmal – Märchen sind gute Symbolträger.

Bei einigen Websites zum Beispiel gibt es die sogenannten Breadcrumbs, die den Weg von der Startseite bis zur aktuellen Seite aufzeigen. Diese Breadcrumbs nennen wir in Deutsch auch gern Brotkrümel. Ja, das ist tatsächlich eine Anspielung auf Hänsel und Gretel, die mit den Brotkrümeln eine Spur gelegt haben. So ist ein Märchen-Element ein nicht unwichtiger Teil der Online-Landschaft geworden.

Ali Baba widerrum, ohne vierzig Räuber, war Namensgeber für das chinesische Einkaufsportal Alibaba mit seinen extrem günstigen Preisen sowie dem Ableger AliExpress.

In der Kunst sind Märchen ohnehin beliebt und weit verbreitet, von Bildern über Theater und Musikstücke bis zu Statuen und Tischwaren. Ganz zu schweigen von der Adaption für Film und Fernsehen, Hollywood und Co. lassen grüssen. Was es alles an Brunnen, Wasserspeiern und anderen dekorativen Elementen gibt, die einen Froschkönig darstellen, muss ich dir vermutlich nicht erzählen, sie scheinen mir zumindest beinahe allgegenwärtig. Ähnlich ist es mit den Briefmarken, die immer wieder gerne verschiedene Märchen oder Szenen aus demselben Märchen darstellen.

Aber auch bei Konsumgütern wird gerne mit Märchen geworben: Rotkäppchen-Sekt, Schneewittchen-Cidre, Rapunzel vertreibt als Marke mittlerweile eine ganze Reihe von Bio-Produkten. Unter dem Namen Cinderella gibt es sowohl Schuhe als auch Bettwäsche zu kaufen, Frau Holle dient natürlich ebenfalls für Bettwaren, Pinocchio wird gerne für Spielsachen genutzt. Hänsel und Gretel haben gleich eine ganze Handvoll Marken inspiriert, die von Kinderkleidung und -ausstattung über Bio-Produkte und Hochzeitskleider bis zu Naturkosmetik reichen.

Auch wenn der Zusammenhang zwischen der Marke mit ihren Produkten und dem ursprünglichen Märchen manchmal ziemlich locker wird, es funktioniert. Ich kann mir vorstellen, dass du beim Lesen des obigen Absatzs ein paar Mal für dich gedacht hast: "Ja, das macht Sinn." Märchen sind so stark in unserer Kultur verankert, dass wir meist gar nicht lange überlegen müssen, um die Verbindung herzustellen.

Wer also da behaupten will, Märchen seien altmodischer Kinderkram, der unterschätzt das Potenzial dieser kulturell so ausgeprägten Figuren ebenso wie den Nostalgiepegel und die Kauffreudigkeit von Erwachsenen.