Menschen wie du und ich

Den heutigen Internationalen Tag der Familie nehme ich gerne zum Anlass, um einen genaueren Blick auf Familien in Märchen zu werfen.

Dieser von den Vereinten Nationen geschaffene Tag läuft dieses Jahr unter dem Motto “Families, Inequalities and Child Wellbeing”. Das finde ich ausgesprochen passend, denn in Märchen steht oft eine Familie im Vordergrund, in der Ungleichheiten oder das mangelnde Wohlergehen von Kindern im Vordergrund stehen, wenn sie nicht sogar Kern der Geschichte sind. Ein Umstand, der leider heute immer noch zu weit verbreitet ist.

Eins der bekanntesten Beispiele ist hier sicher “Aschenputtel” oder “Cinderella”, deren Stieffamilie ihr nach dem Tod ihres Vaters das Leben schwer macht, sie täglich erniedrigt und dazu zwingt, den Haushalt zu erledigen. Es schadet Kindern grundsätzlich nicht, kleine Aufgaben im Haushalt zu übernehmen. Aber es kann nicht angehen, dass sie sich um alles kümmern müssen, vom Einkauf bis zum Bezahlen der Rechnungen. Diese Verantwortung haben die Erwachsenen zu tragen, für Kinder ist sie zu schwer.

Doch auch wenn wohl viele als erstes an die “böse Stiefmutter” respektive “die böse(n) Stiefschwester(n)” denken, so gibt es doch zahlreiche Märchen, in denen sich auch andere Familienmitglieder von ihrer schlechteren Seite zeigen. Auf einige davon will ich nun eingehen.

“Das Mädchen mit den Schwefelhölzern” ist meiner Meinung nach wohl eins der traurigsten Märchen. Das kleine Mädchen erfriert, weil es keine Schwefelhölzer verkauft hat und sich deshalb nicht nach Hause traut. Hier zeigt sich das Elend gleich doppelt, denn nicht nur ist das Mädchen gezwungen, bei Eiseskälte draussen zu arbeiten; der Grund für seinen Tod ist, dass die Passanten es ignorieren und ihm nichts abkaufen. Es ist tragischerweise auch heute noch sehr einfach, seine Augen vor Leid zu verschliessen, sogar vor Kinderleid. Und den Familien, die auf die Mithilfe sämtlicher Mitglieder bitter angewiesen sind und ihre Kinder arbeiten schicken, kann man oft kaum einen Vorwurf machen. Das ändert nichts daran, dass allen Kindern eine Kindheit zusteht und es das Ziel sein muss, ihnen langfristig zu helfen.

In “Der singende Knochen” ist das Herz eines Bruders so von Neid zerfressen, dass er seinen jüngeren Bruder erschlägt und dessen Erfolg als seinen eigenen ausgibt. Ähnlich ist es in “Das klagende Lied”, in dem ein Bruder aus gleichem Grund seine Schwester ermordet. Wie im Märchen üblich wird der Schuldige früher oder später überführt, da sich ein Hirte aus einem Knochen des*der Verstorbenen eine Flöte schnitzt, die das Geheimnis preisgibt. Neid (öfters auch in Kombination mit Gier) ist ein Gefühl, das wächst und wuchert, bis es alles verschlingt und unter seinen Dornen begräbt.

Schliesslich in “Allerleirauh” oder “Eselshaut” gleicht die Prinzessin so sehr ihrer verstorbenen Mutter, dass der König, ihr Vater, sie schliesslich zur Frau nehmen möchte – eine Idee, von der die Prinzessin selbst und sämtliche Minister mehr als entsetzt sind. Der Prinzessin bleibt nur die Flucht in ein anderes Land, wo sie ihre Identität verbirgt und (zunächst) in Armut lebt, um sich diesem abscheulichen Plan zu entziehen. Es ist leider eine bittere Tatsache, dass Missbrauch oft im Familien- oder Bekanntenkreis stattfindet – das macht ihn ja so perfide, dass er von den Menschen kommt, denen Kindern am meisten vertrauen können sollten.

Unsere Wirklichkeit muss nicht so bleiben. Es gibt verschiedene Einrichtungen und Projekte, die das Wohlergehen von Familien und insbesondere Kindern fördern und unterstützen. Und auch wir alle können unseren Beitrag dazu leisten (im Rahmen unserer Möglichkeiten): Geld- oder Sachspenden, Freiwilligenarbeit, Aktionen für öffentliche Aufmerksamkeit und Sensibilisierung. Vor allem wichtig sind aber zwei Dinge: Nicht wegsehen und nicht schweigen.