Ich hatte zwar meinen Durchbruch, wie ich mich besser von alten Mustern und Gewohnheiten lösen kann, aber damit ist das Feld der Möglichkeiten auch sehr weit geworden.
Aktuell recherchiere ich sowohl weitere Varianten von Rotkäppchen aus der ganzen Welt als auch Wolfsmythen und -sagen verschiedenster Kulturen. Erst gestern habe ich mich ein paar Stunden in der nordischen Mythologie, insbesondere der Völuspá, verloren. Es gibt Wölfe auf beiden Seiten des Konflikts, der schliesslich in Ragnarök endet, doch zu den bekannteren gehören wohl Fenris sowie seine Zwillingssöhne Sköll und Hati. Es sind letztere, die mich besonders interessieren. Wenn ich mehreren Quellen glauben darf (Mythologie ist ein Feld steter Veränderung, jede Entdeckung kann neues Licht auf einen "Fakt" werfen), dann jagt Sköll die Sonnengöttin und Hati den Mondgott, bis sie ihre Beute zu Ragnarök einholen, verschlingen und so die Welt ins Dunkel tauchen. Du siehst, warum ich in dieses Kaninchenloch gefallen bin, ja?
Handkehrum gibt es in der römischen Mythologie die Geschichte von Romulus und Remus (ebenfalls Zwillinge), die von einer Wölfin gesäugt wurden. Möglicherweise war diese Wölfin die Göttin Lupa, die wohl unter anderem als Liebesgöttin verehrt wurde. Der Wolf war aber auch ein heiliges Tier des Gottes Mars, der Vater von Romulus und Remus, und ist vielleicht von ihm geschickt worden, um seine Kinder zu retten. Und das sind nur zwei Kulturen, wo Wölfe eine wesentliche Rolle spielen, es gibt noch so viele mehr. Schliesslich leben Wölfe respektive ihre Verwandten wie Schakale, Wildhunde und Kojoten auf sechs unserer sieben Kontinente.
Ebenfalls viel Zeit verbracht habe ich mit asiatischen Märchen und Legenden, wo das böse Raubtier statt eines Wolfs oft genug ein Tiger ist. In Anbracht der Tatsache, dass ein Tiger in den meisten Fällen ein weitaus gefährlicherer Gegner ist als ein Wolf, ergibt das durchaus Sinn. Ich würde mich auch weniger Sorgen um Wölfe machen, wenn ich annehmen müsste, dass hinter jedem Baum eine riesige Raubkatze lauern kann. Dazu kommt eine Besonderheit bei der Jagd, denn Tiger sind bekannt dafür, dass sie die Laute ihrer Beutetiere imitieren, um sich ihnen besser zu nähern oder sogar anzulocken. Welch Potential das für eine Rotkäppchen-Version hat!
Und zuguterletzt beschäftige ich mich ausserdem mit Werwölfen, ihrer Geschichte, ihren verschiedenen Erscheinungen und ihrer zeitgenössischen Darstellung. Nebst dem weithin bekannten Bild einer teils menschlichen Bestie, die bei Vollmond ihr Unwesen treibt, gibt es zum Beispiel auch das Bild des frommen Werwolfs, der als "Hund Gottes" nachts gegen Teufel, Dämonen und böse Geister kämpft. Dazu gibt es unterschiedliche Varianten und Begriffe, einige verwandeln sich tatsächlich in Wölfe, andere träumen sich aus ihrem Körper heraus in den Körper eines Wolfes. Manchmal bekämpfen sie das Böse für das Seelenheil ihrer Mitmenschen, manchmal kämpfen sie sehr spezifisch für eine gute Ernte. Die Gelehrten können sich bislang nicht einigen, was davon tatsächlich ein Werwolf ist und was ein anderes übernatürliches Wesen, respektive wo genau die Grenze zu ziehen ist. Etymologisch stammt das Word Werwolf aus der germanischen Sprachfamilie und bedeutet soviel wie "Mannwolf" oder "Menschwolf". Daraus lassen sich natürlich so einige Schlüsse ziehen, was nur bedingt hilfreich für mich ist.
