Raus aus dem Elfenbeinturm

Selbst der schönste Ausblick verblasst irgendwann, wenn man immer denselben Horizont vor sich hat.

Im Elfenbeinturm lebt umgangssprachlich eine Person, die sich in ihre eigene Welt der Kunst (oder Forschung) zurückzieht und so allmählich den Bezug zum Alltag verliert. Klingt verlockend, oder? Nichts tun ausser sich den lieben langen Tag mit den eigenen Interessen und Werken beschäftigen, wer würde das nicht wollen? Endlich ungestört erschaffen, aufbauen, nachdenken und sich in der Kreativität verlieren…

Aber so funktioniert unsere Welt für die meisten Menschen nun einmal nicht. Über soziale Medien, Nachrichten und persönliche Kontakte erreicht uns täglich ein steter Fluss an Informationen. Vieles davon ist vielleicht nicht relevant, uninteressant oder sonst schlicht nutzlos im Augenblick. Aber manche Fakten und Informationen können Funken der Inspiration sein, aus denen eine Idee erwächst. Viele solche Funken zusammen wiederum wachsen heran zu einer lodernden Flamme – zu einer Geschichte. 

Das Spannende daran ist, dass man nie vorher weiss, woher der nächste Funke kommt. Es tut also ganz gut, wenigstens ab und zu bewusst aus dem Elfenbeinturm herauszukommen, in dem wir Künstler*innen uns ganz gerne mal verkriechen. Natürlich entwickelt man mit der Zeit gewisse Vorlieben und findet Nischen, in die man gut passt, das ist normal. Dort ist es bequem und vertraut, klar, aber irgendwann hat man eben auch alles darin gesehen. So geht es vermutlich auch vielen Autor*innen innerhalb ihres Genres. Gerade im Bereich Fantasy kommt man zum Beispiel nicht an Tolkien vorbei, selbst wenn man keins seiner Werke je gelesen, gehört oder gesehen hat, einfach weil seine Vorstellungen das Genre so stark geprägt haben. Aber genau das ist der Punkt: Wer Fantasy schreiben will, sollte sich nicht (nur) an Tolkien orientieren. Er selbst hat sich unter anderem mit dem angelsächsischen Gedicht Beowulf und dem finnischen Kalevala-Epos beschäftigt, da er Sprachwissenschaftler war und sich mit prägenden Texten verschiedener Sprachen beschäftigt hat. Dort fand er Inspiration für seine Sprachen, Mythen und Völker, die später in Mittelerde zusammenflossen.

Es geht meiner Meinung nach nicht darum, Ideen aus möglichst anspruchsvollen oder renommierten Quellen zu ziehen, sondern aus Quellen, zu denen man einen persönlichen Bezug hat. Ich persönlich lese gern Retellings von Märchen und Sagen, um zu sehen, wie andere mit diesem Stoff umgehen und neue Perspektiven zu finden. Erst kürzlich habe ich eine Duologie gelesen, die interessante Charakterentwicklungen darstellte, aber dafür in einigen anderen Bereichen nicht meinen Geschmack getroffen hat. So erfahre ich mehr über meine eigenen Vorlieben und Abneigungen, die ich entsprechend bewusst in mein Schreiben einfliessen lassen kann. Aber ich lese auch ganz gern Romane, Krimis und Comics, die überhaupt nichts mit Märchen zu tun haben. Mit Filmen und Fernsehserien halte ich es ähnlich und mein Musikstil ist sowieso höchst eklektisch. Durch meine besten Freunde komme ich wieder mit anderen Bereichen (Weltall, Tiefsee, Horror-Games, Pflanzenkunde, um nur einige zu nennen) in Kontakt, zu denen ich sonst keinen Bezug habe. Und wer weiss, wo ich den Anstoss für mein nächstes grosses Werk finde?