Strasse des Grauens

Du, dein Auto, die Strasse und der Horizont – gibt es ein besseres Sinnbild für die grosse Freiheit? Nur unberührte Weiten wilder Natur, keine Menschenseele sonst unterwegs. Und damit auch niemand, der dich schreien hört, wenn das Grauen dich einholt...

Für die Ausschreibung "Düstere Meilen" vom Verlag Torsten Low geht es in die endlosen Weiten der USA, denn gesucht sind “Albtraumhafte Kurzgeschichten entlang der Route 66”.

Diese berühmte Fernstrasse zog sich diagonal von Chicago in Illinois über Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexico und Arizona bis nach Santa Monica in Kalifornien. Bei ihrer Eröffnung 1926 war die Route 66 erst teilweise asphaltiert, aber durch den stetigen Ausbau der Strasse und die vielen Fahrzeuge, die darauf unterwegs waren, veränderten sich viele kleine Ortschaften entlang der Strecke zum Besseren: Mit Tankstellen und Garagen, Motels und Drive-in-Restaurants (sogar der erste McDonald's wurde 1940 an der Route 66 eröffnet) hatten die Anwohner rege Kundschaft und damit ein sicheres Geschäft. Später kamen natürlich noch Tourismus, Museen und Souvenirs hinzu, denn jeder Ort wollte etwas Besonders bieten, das ihn einzigartig machte. 

Mit der Zeit wurde die Route 66 durch breitere Interstate Highways ersetzt und 1985 offiziell aufgehoben, was unter anderem dazu führte, dass heute nur noch etwa 85 % der Strecke befahrbar sind. Das hatte natürlich Konsequenzen für viele kleinere Gewerbe, die sich ohne den starken Durchgangsverkehr schlicht nicht mehr halten konnten. Doch Menschen in den acht betroffenen Bundesstaaten sowie zahlreiche internationale Freunde der Route 66 setzen sich seither dafür ein, die wild-romantische Strasse und die Ortschaften, die sie durchquert, auch für die Zukunft zu bewahren, ist sie doch ein weltbekanntes Symbol für die (amerikanische) Freiheit. Auch der Pixar-Film “Cars” von 2006 ist eine liebevolle Hommage an die legendäre Strasse, oft inspiriert von tatsächlichen Orten. Unter dem Namen “Historic Route 66” werden die noch bestehenden Streckenabschnitte heute immer öfter wieder von Menschen befahren, denen es beim Reisen nicht unbedingt auf die Geschwindigkeit ankommt, sondern auf das Erlebnis.

Und an Erlebnissen mangelt es wirklich nicht, denn nebst abenteuerlicher Architektur verschiedener Motels und Diners gibt es auch zahlreiche weitere Sehenswürdigkeiten, natürliche ebenso wie von Menschen geschaffene, teilweise noch im Betrieb und teilweise längst verlassen. Dazwischen kilometerlange einsame Strassenabschnitte, wo man fernab der Welt ganz mit sich allein ist. Na ja, vielleicht nicht ganz so allein, wie es zunächst den Anschein hat…

Isolation und eine greifbare Vergänglichkeit sind meiner Meinung nach ideale Voraussetzungen für Horror-Geschichten. Ich weiss noch nicht, welche Märchenfiguren ich auf die Fahrt ins Grauen schicken werde, aber es gibt da schon ein paar Kandidaten, die ich im Hinterkopf habe.