Wald und Garten

In unserer Kultur kennen wir sowohl Volksmärchen als auch Kunstmärchen. Aber wo liegt eigentlich der Unterschied?

Volksmärchen sind, wie der Name schon erraten lässt, Geschichten aus dem Volk. Es gibt sie in verschiedenen regionalen Varianten, die alle etwas anders klingen, und im Laufe der Zeit haben sie sich ein wenig verändert. Es gibt keinen eindeutigen Namen der Person, die das Märchen erfunden hat, sondern nur den der Person, die es aufgeschrieben hat. Das erklärt auch, warum diverse Märchen in den Sammlungen verschiedener Autor*innen vorkommen, nämlich weil eben diese Sammlungen sich auf ältere Geschichten beziehen. So wurde "Dornröschen" der Gebrüder Grimm (1812) von Charles Perraults "La Belle au Bois Dormant" (1697) inspiriert, das sich wiederum auf das Märchen "Sole, Luna e Talia" von Giambattista Basile (1634/36) bezieht. Möglicherweise hat die Geschichte ihren Ursprung in der griechischen Sage um die Nymphe Thalia, die von Zeus mit Zwillingen geschwängert wird und sich in der Erde eingräbt, um Heras Zorn zu entgehen. Wie gesagt lässt sich keine eindeutige Person nennen, die diese Geschichte erschaffen hat.

Volksmärchen sind also ein bisschen so wie der Wald, der so oft in ihnen vorkommt. Normalerweise hat sie niemand ausgesät, sie sind über lange Zeit von selbst herangewachsen, und daher sind sie manchmal ein wenig wild und unheimlich, verworren und voller Dickicht, dunkel und alt.

Das Gegenteil dazu sind Kunstmärchen, die bewusst von heute noch bekannten Autor*innen niedergeschrieben wurden. Sie wurden in künstlerischer Tätigkeit erschaffen, bewusst geplant und gepflanzt, ähnlich wie ein Garten. Selbst wenn sie sich teilweise auf Volksmärchen oder Motive daraus stützen, so sind sie doch eigenständige Geschichten. Ausserdem ist ihnen oft zu eigen, dass sie ein unglückliches oder bittersüsses Ende haben. Denn anders als Volksmärchen, in denen Hoffnung, Mut und Liebe triumphieren, sind sie Zeugen der Zeit, in der sie entstanden sind, und der Erfahrungen, die ihr*e Autor*in gemacht hat. Hans Christian Andersen und Oscar Wilde sind nur zwei Märchenerzähler, die ihre enttäuschenden und tragischen Erlebnisse in ihren Kunstmärchen verarbeitet haben.