Gut, ich gebe zu, es geht nur teilweise um Schneewittchen. Vielmehr will ich aufzeigen, wie Farben in Märchen eingesetzt werden.
Rot, als romantische Farbe schlechthin, steht oft für die Liebe, die in vielen Märchen das glückliche Ende der Hauptfiguren signalisiert. Bei Schneewittchen etwa sind es die Lippen, die rot sind und bekanntlich zum Küssen benutzt werden. Aber auch Rosenrot trägt in ihrem Namen den einer Blume, die oft als Symbol für Liebe und Romantik genutzt wird. “Rot wie Blut” macht es zu einer Farbe des Lebens, doch wo Leben ist, weilt der Tod nicht fern. So ist es oft eine rote Apfelhälfte oder ein ganzer roter Apfel, der Schneewittchens Verderben ist. Rot ist auch eine selbstbewusste und etwas rebellische Farbe, was unter anderem die Neugier von Rotkäppchen erklärt. Du darfst mir glauben, ich hatte meinen Spass daran, die verschiedenen Aspekte von Rot in meine sieben Rotkäppchen-Versionen einfliessen zu lassen.
Weiss ist, nicht weiter verwunderlich, die Farbe der Reinheit, die Farbe von frisch gefallenem Schnee, in dem noch niemand seine Spuren hinterlassen hat. Ebenso ist es die Farbe der Unschuld, also auch der Maiden und Jungfrauen. Sowohl Schneewittchen als auch Schneeweisschen sind liebe und unschuldige Mädchen, die für ihr gutes Herz mit einem Prinz belohnt werden.
Ähnlich sieht es mit Gold aus, denn auch diese Farbe zeichnet gute Taten und edlen Charakter aus. Das ist mit auch ein Grund, warum viele Märchenfiguren goldene Haare haben, so sie denn auf der Seite des Guten stehen (du findest kaum je eine blonde Schurkenfigur in einem Märchen). Aber natürlich steht Gold auch für Reichtum und die Krone, für Kostbares und Seltenes und die Gier nach alledem. So zum Beispiel auch die goldene Kugel, welche die Königstochter im Teich verliert und vom Froschkönig zurückerhält.
Silber ist eine seltenere Farbe als Gold, steht aber ebenfalls für Wohlstand. Besonders kommt hier noch dazu, dass Silber oft für den Mond und entsprechend auch für Frauenfiguren verwendet wird, da das Nachtgestirn schon seit der Antike mit der Weiblichkeit verbunden ist (daher ist es in vielen Sprachen mit Geschlechten auch “die Mond”, kleiner Fun-Fact am Rande).
Schwarz steht oft für den Tod oder für Strafe. Schneewittchens Haar, schwarz wie Ebenholz, weist zwar auf ein sehr kostbares Holz hin, wie es einer Prinzessin geziemt, doch auch auf ihren Tod.
Die Farbe Blau kommt nicht sehr häufig vor in Märchen, doch wenn, dann sie vor Unnatürlichkeit. Die Rede ist von Blaubart, dessen unnatürliche Gesichtsbehaarung klar auf den Umstand hinweist, dass er seine Ehefrauen tötet und damit wider die Natur handelt. Die Rede ist aber auch vom blauen Licht, das ein magisches Männchen herbeiruft.
Du siehst, an der Farbsymbolik hat sich bis heute nicht viel geändert in unseren Breitengraden. Es macht auch Sinn, dass viele Märchen sich dieser Symbolik bedienen, denn es sind oft einfache Geschichten, die in wenigen Worten erzählt werden können. Das wird umso leichter, wenn Zuhörer*innen und Leser*innen sofort ein Bild vor Augen haben, das diesen Worten entspricht.
