Heute ist der Erzähl-ein-Märchen-Tag, der ursprünglich aus den USA stammt und dort mittlerweile ein nationaler Feiertag ist. Doch auch in unseren Breitengraden wird er immer beliebter.
Ich möchte diesen Tag nutzen, um einigen Menschen zu gedenken, die in ihrem Leben Märchen gesammelt und / oder geschrieben haben, denn durch sie haben wir heute so einen grossen Schatz an Geschichten in unserem Kulturgut. Aufgrund der grossen Anzahl konzentriere ich mich diesmal vorwiegend auf europäische Märchenerzähler*innen und -sammler*innen, denn deren Geschichten sind dir und mir vermutlich am vertrautesten. Wenn ich jemanden vergesse, dann sieh es mir bitte nach, denn es sind ihrer viele. Auch beschränke ich mich heute auf den Zeitraum vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, auf die jüngeren Erzähler*innen und Sammler*innen werde ich in einem späteren Beitrag eingehen.
Giovanni Francesco Straparola wurde etwa 1480 in Caravaggio bei Bergamo geboren und gilt heute als einer der ersten Märchensammler Europas. In seinem Buch “Die ergötzlichen Nächte” (Le piacevoli notti), das von 1550 bis 1553 in zwei Bänden veröffentlicht wurde, finden sich nebst anderen Geschichten auch zahlreiche Märchen wieder. Straparola gibt im Vorwort offen zu, dass die enthaltenen Geschichten nicht von ihm stammen, sondern “nur” von ihm aufgeschrieben wurden. Nach aktuellem Wissensstand ist dies das erste Buch, in dem Märchen, wie wir sie heute kennen, abgedruckt wurden.
Später folgte ein Kollege aus dem Süden Italiens seinem Beispiel: Giambattista Basile, 1566 in Neapel zur Welt gekommen, sammelte besonders neapolitanische Märchen. Sein Werk “Pentameron” (Il Pentamerone), in dessen Rahmenhandlung zehn Frauen fünf Tage lang je ein Märchen erzählen, enthält unter anderem die frühsten europäischen Fassungen von Rapunzel und Cinderella und wurde 1634 und 1636 (ebenfalls in zwei Bänden) nach Basiles Tod von seiner Schwester veröffentlicht.
1628 wurde Charles Perrault in Paris geboren. Nach seiner Zeit als Höfling und Sekretär in Versailles beschäftigte er sich mit den gängigen Volksmärchen und verlieh ihnen durch seine Erzählweise einen moralischen Beiklang. Er wird oft auch “Vater des Märchens” genannt, da Märchen sich durch seine Werke neuer und weiter Beliebtheit erfreuten. Tatsächlich werden einige Märchen, darunter etwa Dornröschen, Rotkäppchen, Der gestiefelte Kater oder Cinderella, noch heute weitgehend so erzählt, wie Perrault sie vor über 300 Jahren niederschrieb. Seine Märchen in gedichteter Form “Die Versmärchen” (Contes en vers) veröffentlichte er von 1691 bis 1694. Sein bekannteres Märchenbuch, “Die Prosamärchen” oder “Geschichten meiner Mutter Gans” (Histoires ou Contes du temps passé, avec des moralités, auch Contes de ma Mère l’Oye) erschien 1697.
Ein Zeitgenosse und Landsmann von Perrault war Antoine Gallard, der 1646 in der Picardie geboren wurde. Nach seinem Studium arbeitete er für die Französische Ostindienkompanie und reiste in ihrem Auftrag in den östlichen Mittelmeerraum. Dort lernte er unter anderem Arabisch und Persisch, was ihm erlaubte, die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zu lesen. Er war so begeistert davon, dass er die erste europäische Übersetzung anfertigte und “Les mille et une nuits” in zwölf Bänden von 1704 bis 1717 veröffentlichte. Seine Erzählung passte einiges an den französischen Stil an und strich viele Passagen der arabischen Originalmärchen, die definitiv nicht jugendfrei sind. Gallards Übersetzung war so erfolgreich, dass viele weitere Übersetzungen von Tausendundeiner Nacht sich hauptsächlich auf seinen Text stützten und in den westlichen Ländern erst später bekannt wurde, dass diese Märchen eigentlich nicht für Kinder gedacht sind.
Marie-Catherine d'Aulnoy wurde um 1650 als Marie-Catherine Le Jumel de Barneville in Barneville-la-Bertran in der Normandie geboren und war schon früh an den lokalen Volksmärchen interessiert. Nach ihrer Hochzeit mit dem wesentlich älteren Baron d'Aulnoy ging das Paar aufgrund einer Intrige, die ihn in die Bastille und sie ins Kloster führte, rasch getrennte Wege. Nach Aufenthalten in verschiedenen Ländern kehrte die Baronin d'Aulnoy 1685 nach Paris zurück, wo sie erst einen literarischen Salon eröffnete und sich später selbst als Schriftstellerin einen Namen machte. Der Skandal einer Freundin führte dazu, dass sie erneut in ein Kloster eintrat. Neben verschiedenen geschätzen Romanen und Reiseberichten verfasste d'Aulnoy auch die Märchensammlungen Les Contes des fées und Contes nouveaux ou Les Fées à la mode mit 24 Märchen für Erwachsene, die sie von 1967 bis 1698 in acht Bänden veröffentlichte. Ein gängiges Motiv ihrer oft sehr romantischen Märchen ist die Verwandlung einer oder beider Hauptfiguren, was besonders der weiblichen Hauptfigur mehr Motivation und Tatendrang verleiht und sie daher gern in den Mittelpunkt stellt.
Gabrielle-Suzanne de Villeneuve, geboren als Gabrielle-Suzanne Barbot 1685 in Paris, stammte aus bescheidenem Adel und verlor einen guten Teil ihres Vermögens an die Spielsucht und später den Tod ihres Gatten. Um Geld zu verdienen arbeitete de Villeneuve unter anderem als Gouvernante und begann nebenher zu schreiben, sie verfasste einige Romane und Märchen. Das bekannteste davon ist die erste Version von Die Schöne und das Biest (La Belle et la Bête), die etwas komplex und umfassend ist.
Die heute wesentlich bekanntere Version eben dieses Märchens stammt aus der Feder von Jeanne Marie Leprince de Beaumont, die als Marie-Barbe Le Prince 1711 in Rouen zur Welt kam. Nach ihrem Abschluss an der Klosterschule blieb sie noch einige Jahre als Lehrerin dort und begann früh damit, Märchen in ihren Unterricht einzubinden. Sie nutzte die Erzählungen, um den Kindern moralische Werte zu vermitteln, und vereinfachte sie entsprechend. De Beaumont kürzte de Villeneuves Version und schrieb sie auf für Kinder leicht verständliche Weise nieder. Später arbeitete sie bei Hofe als Gouvernante und veröffentlichte 1756 das “Magazin der Kinder oder Dialoge einer weisen Gouvernante mit ihren Schülern” (Magasin des Enfan[t]s, ou Dialogues d’une sage gouvernante avec ses élèves), das ausser Die Schöne und das Biest weitere Märchen sowie Lehrgespräche enthielt. Es ist also auch stark de Beaumont zu verdanken, dass Märchen von da an lange Zeit für Kinder geschrieben wurden.
Ein weiterer Franzose in diesem illustren Kreise, der letzte für heute, war Charles-Joseph Mayer, der 1751 in Toulon an der Côte d'Azur geboren wurde. Er arbeitete einige Zeit lang bei der Zeitschrift “Mercure de France”, ehe er sich mit dem Pariser Verleger Charles Georges Thomas Garnier daran machte, Märchen aus allerlei Ländern zu sammeln und als “Das Kabinett der Feen” (Le Cabinet des fées) zu veröffentlichen. Diese Sammlung wurde in beeindruckenden 41 Bänden zwischen 1785 und 1789 veröffentlicht und gilt weithin als grösste Märchensammlung des 18. Jahrhunderts. Es war das Ziel von Mayer, die enthaltenen Märchen und Erzählungen für die Zukunft zu bewahren, da sie zu seiner Zeit wohl nicht mehr geschrieben und veröffentlicht wurden. Das dürfte ihm rückblickend mehr als gelungen sein. Die moderne französische Reihe “Bibliothèque des génies et des fées”, die seit 2004 vom Verlag Honoré Champion veröffentlicht wird, knüpft an Mayers “Kabinett der Feen” an.
