Das gilt im Märchen auch nicht anders, denn hier steht Schönheit oft für Tugend. Und grosse Tugend zeigt sich nun mal besonders in widrigen Umständen. Es ist einfach, freundlich und hilfsbereit zu sein, wenn alle Mitmenschen rundherum ebenfalls so sind. Aber sich die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft zu bewahren, wenn man nur Abneigung und Bösartigkeit begegnet, das ist schwer. Das zeichnet eben die Figuren aus, die ein gutes Herz haben, deren Kern also tugendhaft ist.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter erstaunlich, dass viele Hauptfiguren so beschrieben werden: Sehr schön und mit einem guten Herzen. Das geht praktisch Hand in Hand, tugendhafte Figuren sind grundsätzlich nur “hässlich”, wenn sie verzaubert wurden. Je düsterer die Umstände einer Hauptfigur sind, desto schöner wird sie tendenziell. Das gute Herz ist auch der Grund, warum eben diese Hauptfiguren oft von anderen aus ihrer misslichen Situation gerettet oder befreit werden müssen – sie sind zu gut, um es selbst zu tun und dabei ihren Gegenspieler*innen zu schaden.
Die bösen Nebenfiguren, Stiefmütter oder -schwestern etwa oder Personen mit finsteren Zauberkräften, werden weitgehend als hässlich dargestellt. Dass die Warze auf der Nase ein Zeichen für eine Hexe ist und böse Wesen als Monster beschrieben werden, kommt nicht von ungefähr.
Meine Erklärung für die oft gezeigte Hilflosigkeit der schönen Figuren (ich bin keine Märchenforscherin, das ist meine persönliche Meinung) ist relativ einfach: Je älter eine Figur wird, desto schwieriger wird es, immer noch jederzeit tugendhaft zu sein und zu handeln. Denn mit dem Alter kommt Verantwortung, die zu Fehlern oder harten Entscheidungen führen kann. Das Abwägen eines kleinen Übels gegen ein grösseres bringt immer noch mit sich, das jemandem ein Übel widerfährt. Manchmal kommt jemand zu Schaden, selbst wenn das nicht in der Absicht der entscheidenden Figur liegt. Aber die Figuren, die (praktisch) keine Verantwortung tragen, die können sich Tugend lange bewahren. Es sagt viel über die Vergangenheit, dass das so oft Mädchen und junge Frauen sind, von Bauernkind bis Prinzessin, denn Verantwortung geht aus Macht hervor und Machtpositionen lagen früher oft weitgehend in Männerhand.
Ich komme einmal mehr auf das Märchen von Schneewittchen zurück, in dem die Königin ja offensichtlich schön ist respektive von anderen als schön, also als tugendhaft, gesehen wird: "Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land." Aber es ist verständlich, dass sie nun als Herrscherin eines Reiches mit den entsprechenden Pflichten und zu fällenden Entscheidungen nicht mehr so tugendhaft sein kann wie ein kleines Mädchen. Daher ist Schneewittchen irgendwann “tausendmal schöner als Ihr”. Schliesslich verwandelt sich die Königin selbst und mit Absicht in eine alte Frau, um Schneewittchen zu töten. Sie gibt also mit ihrer Tugend auch ihre Schönheit auf, denn wenn jugendliche Tugend Schönheit bedeutet, dann dürften ältere Personen nur selten noch als schön gelten. Das, was ihr am wichtigsten war, hat sie der Sünde des Mordes geopfert.
Die Schöne und das Biest ist ein anderes gutes Beispiel, denn nur die Schöne, die ihrer Beschreibung nach sehr tugendhaft sein muss, kann hinter die Maske des Biests blicken und es durch ihr gutes Herz und die Liebe darin wieder erlösen. Durch ihre Tugend wird der Fluch gebrochen und aus dem schauerlichen Ungeheuer wird wieder ein schöner junger Prinz, der seine Lektion gelernt hat und nun ebenfalls wieder tugendhaft ist. Ich hatte Spass dabei, das in meinen Geschichten für das diesjährige Ewea Extreme auf verschiedene Art und Weise darzustellen.
An dieser Stelle möchte ich noch anmerken, dass dieser Zusammenhang von Schönheit und Tugend zwar in den meisten Märchen gilt, aber nicht unbedingt in unserer Realität. Hier bedeutet Schönheit nicht zwingend ein gutes Herz, zumal sie durch verschiedene Wege und Mittel (Filter, Kosmetik, Diäten, OPs) künstlich herbeigeführt werden kann. Handkehrum kenne ich Menschen, die vielleicht nicht dem aktuell gängigen Schönheitsideal entsprechen, aber äusserst liebevoll und hilfsbereit sind.
Schönheit liegt halt immer auch im Auge des Betrachters und wahre Schönheit kommt von innen.
