Wer, wie, was?

Damit eine Geschichte wirklich authentisch klingt muss das eine oder andere Mal auch ein wenig recherchiert werden. Aber wie geht das eigentlich?

Ich will gleich vorneweg erwähnen, dass ich oft und nicht ungern recherchiere. Das heisst aber nicht, dass mein Weg der einzig richtige ist, sondern nur, dass er für mich (weitgehend) funktioniert.

Wenn ich mich mit einem neuen Thema befasse kommt es ein wenig darauf an, wie viel ich darüber schon weiss oder zumindest zu wissen glaube. Es schadet nicht, auch bekannte "Fakten" nochmals zu überprüfen, denn vielleicht habe ich vor Jahren mal etwas falsch verstanden, habe es nicht mehr richtig im Kopf oder es gibt mittlerweile neue Erkenntnisse.

Meine Suche starte ich grundsätzlich bei Wikipedia, und das aus zwei einfachen Gründen: Wikipedia ist eine Community, die beständig Einträge prüft und wo nötig ergänzt und korrigiert. Natürlich kann sich trotzdem ein Fehler einschleichen, aber die Informationen dort sind meistens schon mal ein guter Ansatz. Ausserdem weist Wikipedia bei vielen Einträgen die hilfreichen Abschnitte "Literatur", "Weblinks" und / oder "Einzelnachweise" auf. Die dort aufgeführten Quellen sind tendenziell von Menschen, die sich mit der Materie auskennen, und entsprechend werde ich dort fündig, was weitere hilfreiche Informationen angeht.

Ich habe es mir angewöhnt, beim Durchlesen verschiedener Quellen Listen in meinen Notizen zu führen: Relevant, Problem, Interessant und Weiterführend. Relevant, wie du ahnen kannst, sind wichtige Informationen für die korrekte Beschreibung von Setting und Plot. Unter Problem notiere ich Fakten, die Stolpersteine in meiner Geschichte darstellen könnten. Interessant sind Fakten, von denen ich aktuell noch keine Idee habe, ob und wie ich sie nutzen kann. Und Weiterführend sind Informationen, die neue Themen für zusätzliche Recherche darstellen.

Ich notiere mir, wo ich eine jeweilige Information gefunden habe und auch, in wie vielen Quellen ich sie gefunden habe. Wenn ich zum Beispiel zwei Quellen habe, die Gegenteiliges behaupten, wird es schwierig herauszufinden, was nun stimmt. Habe ich aber fünf Quellen und vier davon sind sich einig, nur eine sagt etwas anderes, dann nehme ich an, die Mehrheit ist richtig. Darum möchte ich meine Fakten jeweils aus mindestens zwei verschiedenen Quellen belegt haben, ehe ich sie verwende. Vor allem, wenn ich mich mit dem Thema nicht gut auskenne.

Mit allen Fakten und Informationen polstere ich schliesslich das Grundgerüst meiner Geschichte aus. So ergeben sich durchaus einige spannende Wendungen, die ich vor der Recherche nicht mal erahnen konnte, weil mir das nötige Wissen dafür gefehlt hat. Ich habe für eine nun schon ältere Kurzgeschichte herausgefunden, dass die Stadt, in der sie spielt, voller unterirdischer Höhlen und Gänge ist, und das nicht erst seit der Neuzeit. Welch ein wunderbares Element, um zusätzliche Spannung und Authentizität in eine Geschichte zu bringen – du kannst mir glauben, dass ich meinen Spass mit dieser Information hatte.

Wenn ich neue Geschichten beginne lese ich auch immer das grundlegende Märchen nochmals, was eigene Probleme mit sich bringt. Volksmärchen haben oft keinen eindeutigen Ursprung und es gibt sie in verschiedenen Varianten, die auch über längere Zeit hinweg aufeinander aufbauen können. Von unterschiedlichen Sprachen und Dialekten reden wir gar nicht erst. Für eine Ausschreibung (mehr dazu später) habe ich mit mit der Geschichte von Rapunzel befasst. Das Märchen Rapunzel, wie es die Gebrüder Grimm erzählen (1812 bis 1858), weist zum Beispiel einige Ähnlichkeiten mit dem Märchen Persinette (1698) von Charlotte-Rose de Caumont de La Force auf. Persinette wiederum teilt gewisse Elemente mit dem Märchen Petrosinella aus Giambattista Basiles Pentamerone (1634 / 36). Und das Märchen Die weisse Katze / La Chatte Blanche (ebenfalls 1698) von Marie-Catherine d’Aulnoy hat einen Teil der Handlung übernommen, um zu erklären, wie die Hauptfigur in ihre Situation gelangt ist.

Welches ist nun das Original-Märchen? Beziehen sich Rapunzel, Persinette und Die weisse Katze tatsächlich alle auf Petrosinella oder war es Zufall, dass die Geschichten ähnlich klingen? Bezieht sich Petrosinella selbst auf ein noch älteres Märchen, das in Vergessenheit geraten ist? Basile stammte aus Neapel, das über die Jahrhunderte einigen Kulturen eine Heimat geboten hat und durch seinen Hafen auch viel Handel trieb. Das ist gut zu wissen, denn wenn ich diversen Quellen glauben darf, dann stammt das Motiv der Jungfer im Turm, die ihre Haare herablässt, aus dem persischen Buch der Könige, dem Schāhnāme (spätes 10. Jahrhundert), von Abu l-Qasem-e Firdausi (für diesen Namen gibt mehrere Schreibweisen). Doch auch Teile dieses Werks beziehen sich scheinbar auf ältere Sagen und Legenden aus der persischen Mythologie.

Wo also ist der Anfang?

Und das, genau das, ist der Grund, warum Recherche so bereichernd wie ermüdend gleichzeitig sein kann. Man lernt unheimlich viel über Zusammenhänge, aber oft genug purzelt man auch ins Kaninchenloch und findet kein Ende, da es nie ein definitives Ende gibt.

Schlussendlich muss man für sich selbst entscheiden, wo man den Schlussstrich zieht. Im Fall von Rapunzel beziehe ich mich meistens auf die Grimm'sche Version, schlicht weil sie mir am vertrautesten ist und ich mit den meisten Elementen etwas anfangen kann.