Heute ist Erzähl-ein-Märchen-Tag, der erstmals in den USA begangen wurde und dort heute ein nationaler Feiertag ist. Aber auch in unseren Gefilden wird er immer beliebter.
Wie bereits letztes Jahr möchte ich an diesem Tag an einige Menschen erinnern, die durch ihr Wirken stark zur Entwicklung und zum Erhalt unseres heutigen Märchenschatzes beigetragen haben. Aufgrund der grossen Anzahl konzentriere ich mich vorwiegend auf europäische Märchenerzähler*innen und -sammler*innen, denn deren Geschichten kennen du und ich vermutlich am besten. Wenn ich jemanden vergesse, dann sieh es mir bitte nach. Diesmal werde ich mich weigehend auf den Zeitraum vom Ende des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhundert beschränken. Da diese Zeit auch einen Höhepunkt des Märchenwesens darstellt, sind entsprechend ein paar grosse Namen mit dabei.
E.T.A. Hoffmann (eigentlich Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann) wurde 1776 im damals preussischen Königsberg geboren. Er studierte gemäss Familientradition Recht und arbeitete als Gerichtsassessor, widmete aber schon bald seine Freizeit der Musik und dem Schreiben. Das Kunstmärchen “Der goldne Topf” (1814) sowie die Oper “Undine” (1816) gehörten zu seinen ersten künstlerischen Erfolgen, denen viele weitere folgen sollten. Hoffmann ist einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Romantik, da er er in den meisten seiner Werke die Zweiteilung der Welt in die uns bekannte Realität sowie das Reich der Fantasie darstellt. Auch die sogenannte Schwarze Romantik, die sich mehr mit den dunklen Elementen der Fantasie und der menschlichen Psyche beschäftigt, findet sich zum Beispiel in “Der Sandmann” (1816). Eins von Hoffmanns bekanntesten Kunstmärchen schliesslich ist noch heute eng mit Weihnachten verbunden, nämlich “Nußknacker und Mausekönig” (1816), das als Grundlage für Tschaikowskis weltberühmtes Ballett “Der Nussknacker” dient.
Friedrich Baron de la Motte Fouqué, geboren 1777 in Brandenburg an der Havel, war nicht nur ein Zeigenosse von E.T.A. Hoffmann, sondern tatsächlich auch mit ihm befreundet. Die Oper “Undine”, zu der Hoffmann die Musik schrieb, basiert auf der Erzählung von de la Motte Fouqué (1811), er schrieb auch das Libretto zur Oper. Seine schriftstellerischen Werke gehören ebenfalls zur Romantik, er bezog sich zur Inspiration gern auf alte Sagen und Legenden. Seine Verarbeitung des Stoffes beeinflusste auch einige spätere Märchenerzähler wie Hans Christian Andersen und Oscar Wilde.
Romantisch geht es auch weiter, Clemens Wenzeslaus Brentano kam 1778 in Ehrenbreitstein zur Welt. Er schuf unter anderem verschiedene Märchenbände, teils als eigene Werke, teils als Übersetzungen älterer Märchensammlungen, so etwa “Italienische Märchen” 1805-1811. Ausserdem ist er für seine Lyrik und seine religiösen Schriften bekannt, doch vieles wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht. Als Brentano zum Medizinstudium an die Universtität Jena kam, lernte er auf einer Studienreise den Juristen Friedrich Carl von Savigny kennen. Auf Savignys Familiensitz versammelte sich damals eine rege Schar an Künstlern, darunter Clemens und einige seiner Geschwister, der Schriftsteller Achim von Arnim (der später Clemens' Schwester Bettina heiratete) und zwei weitere wohlbekannte Märchenerzähler: die Gebrüder Grimm.
Jakob Ludwig Karl Grimm wurde 1785 in Hanau geboren. Er studierte zunächst Jura unter Savigny, bis sein wachsendes Interesse an deutscher Sprache und Literatur ihn dazu bewegten, eine Stelle als Bibliothekar anzunehmen. Später arbeitete er im diplomatischen Dienst, in weiteren Bibliotheken wie an der Universität Kassel und schliesslich als Professor an der Universität Göttingen. Wilhelm Carl Grimm kam 1786, also ein Jahr nach seinem Bruder, ebenfalls in Hanau zur Welt. Nach seinem Jurastudium begegnete er Clemens Brentano und Achim von Arnim, was dazu führte, dass die drei Schriftsteller sich zwischenzeitlich eine Wohnung in Berlin teilten. Später arbeitete er als Sekretär an der Universität Kassel, wohin Jakob ihm als Bibliothekar folgte, und als Bibliothekar an der Universität Göttingen, wo er ebenfalls eine Professur erhielt. Schliesslich lehrte er an der Universität Berlin. Die Gebrüder Grimm haben eine Vielzahl deutscher Märchen gesammelt, überarbeitet und schliesslich als “Kinder- und Haus-Märchen” veröffentlicht (erstmals 1812). Die Grimm'schen Märchen und entsprechend das kulturelle Vermächtnis der Brüder sind noch heute auf der ganzen Welt bekannt, sie gehören auch (zumindest in Europa und Nordamerika) zu den bekanntesten Märchen überhaupt und wurden in unzähligen Filmen, Serien und Büchern verarbeitet. Doch nicht nur haben die Gebrüder Grimm ausserdem ein Buch über deutsche Sagen herausgebracht (1816), sie haben massgeblich zur Entwicklung der deutschen Sprachforschung beigetragen und mit ihrem “Deutsches Wörterbuch” (erstmals 1854) die Grundsteine für die deutsche Philologie gelegt. Ihr gemeinsames Interesse an germanischer Geschichte hat zudem wichtige Erkenntnisse in der germanischen Altertumsforschung mit sich gebracht, Wilhelm war dabei besonders mit der Runologie beschäftigt.
Nebst eigenen Sammlungen übersetzten die Gebrüder Grimm auch die Werke anderer, zum Beispiel “Fairy Legends and Traditions of the South of Ireland” von Thomas Crofton Croker, der 1798 in Cork geboren wurde. Nach einer Kaufmannslehre reiste er in den Süden von Irland, wo er zahlreiche Lieder und Legenden sammelte. Aus diesem reichen Fundus schöpfte er Inspiration für seine Gedichte und Märchen, während er als Schreiber arbeitete. Croker publizierte einige Texte aus dem Irischen in englischen Versionen, die er allerdings nicht selbst übersetzt, sondern “nur” überarbeitet hatte. Als begeisterter Alterumsforscher nahm er auch an der Ausgrabung einer römischen Siedlung in England teil.
Ludwig Bechstein erblickte 1801 in Weimar das Licht der Welt und arbeitete später als Apothekergehilfe, was ihn geistig aber nicht erfüllte. Er begann schon früh mit der Sammlung und Veröffentlichung lokaler Märchen, so zum Beispiel “Thüringische Volksmärchen” (1823). Sein “Deutsches Märchenbuch” (1845) beinhaltet viele überlieferte Märchen, die Bechstein allerdings zu pädagogischen Zwecken überarbeitete, ebenso sein “Neues deutsches Märchenbuch” (1856). Einige seiner Märchenfassungen wurden auch von den Gebrüdern Grimm in ihre Sammlung aufgenommen. Nebst Märchen sammelte Bechstein weiterhin Sagen aus dem deutschen Sprachraum, schrieb Gedichte und historische Romane.
Nur wenig später wurde Wilhelm Hauff 1802 in Stuttgart geboren und studierte Theologie an der Universität Tübingen. Er war unter anderem als Hauslehrer und Redakteur tätig, ehe er mit knapp 25 Jahren an Typhus verstarb. Sein erster “Märchen-Almanach für Söhne und Töchter gebildeter Stände” (1825) enthielt vorwiegend im Orient angesiedelte Kunstmärchen wie etwa Kalif Storch oder Die Geschichte vom kleinen Muck, während sein zweiter Almanach auch Märchen von anderen Autoren enthält, darunter Schneeweißchen und Rosenrot von Wilhelm Grimm. Hauffs letzter Märchen-Almanach schliesslich widmet sich lokalen Erzählungen aus dem Spessart und dem Schwarzwald, zu seinen bekanntesten Märchen gehört Das kalte Herz.
Hans Christian Andersen, Dänemarks wohl berühmtester Schriftsteller, wurde 1805 in Odense geboren. Mit 14 Jahren kam er nach Kopenhagen und versuchte erfolglos, Arbeit als Schauspieler oder Sänger zu finden, ehe er studierte. Nach seiner Schulzeit schrieb er seine ersten Gedichte und Märchen, reiste aber auch fleissig durch Westeuropa und das Osmanische Reich, wo ihn einige Landschaften später zu seinen bekannteren Kunstmärchen inspirieren sollten. Er schrieb seine Geschichten auf Basis von Volksmärchen und Mythen ebenso wie Naturphänomenen, doch sein ganz besonderer Stil machen sie zu den bedeutendsten Kunstmärchen der Biedermeier-Zeit. Bezeichnend für seine Werke ist, dass er oft aus der Perspektive der leidenden Hauptfigur erzählt, selbst wenn es sich dabei um ein Kind handelt. Apropos Kind: Als für Andersen gegen Ende seines Lebens ein Denkmal geplant wurde, zeigte es ihn zunächst inmitten von Kindern. Er beschwerte sich darüber, da seine Geschichten oft satirische Elemente enhalten, die von Kindern gar nicht verstanden werden konnten und für ein erwachsenes Publikum gedacht waren. Daher zeigt das Denkmal ihn alleine, sitzend, im Gespräch mit dem Publikum, während er in einem Buch eine Seite festhält – für immer erzählend.
Im Nachbarland geboren, nämlich in Kristiania (heute Oslo), wurde Peter Christen Asbjørnsen 1812. Er war zunächst Zoologie-Student an der Universität Oslo und sammelte bereits während seiner Studienzeit Märchen und Legenden der Region. Später arbeitete er auf verschiedenen Forschungsreisen an der Küste sowie als Forstmeister im Kampf gegen die Entwaldung Norwegens. Sein grosses Interesse an Volkskunde führte später dazu, dass er sich die Gebrüder Grimm zum Vorbild nahm und gemeinsam mit seinem engen Freund Jørgen Engebretsen Moe die Sammlung “Norske Folkeeventyr” (Norwegische Volksmärchen, erstmals 1842) veröffentlichte. Später brachte er Sammlung “Huldre-Eventyr og Folkesagn” norwegischer Märchen (1845) heraus. Jørgen Engebretsen Moe, der 1813 auf einer Farm in Ringerike zur Welt kam, lernte Asbjørnsen während der Schulzeit kennen. Rasch erkannten die beiden das gegenseitige Interesse an Volkskunde. Moe studierte Theologie und wanderte eine Zeitlang jeden Sommer durch die Berge im Süden Norwegens, deren Bewohner*innen er nach ihren Geschichten und Traditionen befragte. Er wurde später Kaplan, Priester und schliesslich Bischof von Kristianssand bis zu seinem Todesjahr. Unabhängig von Asbjørnsen schrieb er einige Gedichte und Kindergeschichten. So wie im Deutschen die Gebrüder Grimm praktisch unzertrennlich sind, so sind es in den nordischen Ländern auch Asbjørnsen und Moe. Die beiden Märchensammler haben durch ihre jahrzehntelange Arbeit stark zur Forschung und Entwicklung der norwegischen Sprache beigetragen.
