Aus den Schatten ins Licht

Sich aus den Trümmern eines Lebens wieder ein neues aufzubauen fordert viel Zeit, Kraft und Mut.

Nebst der bekannteren Heldenreise gibt es auch die Erzählstruktur der Heldinnenreise. Beide haben ihren Ursprung in Mythen, doch der Weg der Heldin ist weitaus persönlicher und wird seltener mit Ruhm und Ehre belohnt, weshalb er weniger im Vordergrund steht. Das will nicht heissen, dass er nicht genutzt wird, denn er ist eine gängige Struktur für Romanzen und Märchen. Tatsächlich bin ich bei meiner Recherche darauf gestossen und war sofort interessiert.

Auch hier gibt es verschiedene Ansichten und Perspektiven, ich beziehe mich hier in erster Linie auf die Version von Gail Carriger und ihr Buch dazu, “The Heroine's Journey”, das ich nur wärmstens als vertiefende Lektüre empfehlen kann. Ich will nicht sagen, dass dies der einzige Weg ist oder dass meine Erklärungen hier fehlerfrei sind, aber so habe ich die Stationen verstanden. Die Handlung unterteilt Carriger in drei Abschnitte: The Descent, the Search und the Ascent respektive der Fall, die Suche und der Aufstieg, wie ich sie übersetze.

Die Geschichte und der Fall beginnen damit, dass das familiäre Umfeld der Heldin jäh zerbrochen wird, normalerweise durch Verlust auf die eine oder andere Weise. Sie bittet um Hilfe, doch ihr Flehen wird ignoriert, was dazu führt, dass sie sich zurückzieht und ihre Macht oder Position aufgibt. Dieser Rückzug ist nicht freiwillig, sondern geschieht aus Verzweiflung, Trauer und / oder Angst. Die restliche Familie bietet Hilfe an, aber keine, die das Problem lösen kann.

Während der Suche ist die Heldin durch ihren Rückzug isoliert und verletztlich. Sie verbirgt ihre Identität, indem sie sich verkleidet oder nicht die volle Wahrheit erzählt. Dabei begegnet sie Figuren, mit denen sie Stück für Stück ein neues familiäres Netz aufbaut, auch bekannt als “found family”. Unterstützt von ihren neuen Familienmitgliedern und Freund*innen begibt sie sich in die Unterwelt, um sich ihren Problemen zu stellen.

Mit dem Aufstieg wird die Heldin Teil eines neuen oder wiedergeborenen Familiennetzes. Gestärkt durch ihr Umfeld macht sie sich daran, Verhandlungen und Kompromisse zu führen, die für alle Beteiligten zu einem guten Ende führen.

Im Gegensatz zum Helden, der seine Stärke in Einsamkeit findet, ist die Heldin dann am stärksten, wenn sie von ihren Lieben umgeben ist. Daher kann sie am Schluss grundsätzlich auch in ihre Ausgangssituation zurückkehren.

Abschliessend möchte ich noch anmerken, dass bei der Heldinnenreise zwar von “der Heldin” gesprochen wird, dies aber nichts über das tatsächliche Geschlecht der Heldinnenfigur aussagt. Es gibt auch viele Figuren, die nicht weiblich sind und trotzdem im Lauf ihrer Geschichte die Heldinnenreise durchlaufen haben.